Beim Übergang von einer zünftigen Ordinarien- zu einer big-mc-donaldisierten Gruppenuniversität wurde die Wissenschaft zwischen den mahlsteinen von privater Warenwirtschaft und kapitalem Staat zerrieben wie Max und Moritz. Die Streiche ihrer Angehörigen gegen eine Auslagerung von Hochschulforschung in Wissenschaftszentren und Großforschungsklöster, gegen eine steigende Ergebenheit unter obertäniger Drittmittelfinanzierung und -forschung, gegen einen Transfer von Wissenschaft in Wirtschaft und eine Instrumentalisierung zur Wirtschaftsförderung mittels Forschungs- und Technologiepools führten offenbar nicht zum Ziel. Die Universitäten wurden ausgedörrt, überhitzt und werden verwüstet. Der unverklärte Blick unter die Talare entmystifizierte seinerzeit eine blütenweiße Wissenschaft und stellte die blutbefleckten weißen Bürgerkragen der herrschenden Wissenschaft als Wissenschaft der Herrschenden unter die Waffe der Kritik. Doch ohne eine Kritik der Waffen konnte und kann der niemals legitimierte mächtige Knoten herrschaftlicher und kapitaler Interessen nicht zerschlagen werden. Die wenigen Kämpfer starben auf der Straße oder landeten hinter verschlossenen Türen (starben dort) und die vielen Poeten im offenen Schoß der Ausbeutung - zu Lebzeiten tot. Die "Reform-Universität" erhielt einen Persilschein, weil sie hielt, was sie versprach: ein mittlerweile 25-jähriges seminaristisches Befriedigungsverbrechen, daß zur technischen Relevanz verführte. Auf der anderen Seite aber blieben ihre richtigen Ansätze nach verkorkster Studentenrevolte stecken und wurden in einem reaktionären "Roll-back" unter den derzeitigen Flickenteppich der Lehre gekehrt, auf dem die Studierendenschaft in ihrer devoten Matratzeneckenvereinzelung zur Meinungsarmut verkommend von alten Zeiten und besseren Tagen träumt: "offene Universitäten und so!", während sie über den Tisch gezogen werden und ihre Relikte, wie beispielhaft das Psychologische Institut der Freien Universität Berlin, gleich mit.
Die von Tutorien- über Assistenenjobs in Amt und dann und wann auch in Eh(r)e gehiefte Alt-68er-Staatsprofessorenkaste samt März-Dozierende und Mittelbauermäßige dürsten nunmehr nach der "Wiederherstellung der Universität" (M. Daxner) getreu ihrer nicht eigenen "Idee der Universität" (W.-D. Narr) bevor sie gänzlich abgehalftert werden. Die Einheit der Wissenschaft ließ und läst sich jedoch genausowenig herstellen wie "das sich zu emanzipierende Subjekt" (R. Dutschke) trotz der scheinbaren Gunst der Stunde. Für diese erweist sich die Rechte als schwacher Kamerad. Der regierenden Rechten geht der Sinn für Perfidität ab, den die Sozialdemokratie einst erneut - gegen innerparteiliche Noskianer - bewies, als sie das Bildungssystem als Instrument zur Integration von Jugendlichen unterstützte, die sonst aus der Kontrolle heraus in Krawall geraten wären. Kapitalistische Privatinteressen auf die Erhaltung des Status quo zu konzentrieren, ist die Rechte nicht in der lage. mit anderen Worten: sie ist nicht in der Lage, das Prinzip der "(Ver-)Teile und Herrsche" zu verwirklichen. Eingedenk dessen nötigt des Kanzlers gegenwärtiger Zukunftsminister die anstehenden Akademiker aktuell unter dem Deckmantel "Siebzehnte-Bafög-Novelle" Studiengebühren aus eigener Tasche als Investition ins private Humankapital zu zahlen - die der leibliche oder leidige Vater Staat erst einmal Kraft seiner Autorität, jedoch nicht ohne abgetrotzen Leistungsversprechens, zu füllen hätte (Mehrwert garantiert); im Gegenzug wird der Student, wenn er nicht die Zeche prellt, in die illustre Tafelrunde universitären "Daseins" (M. Heidegger) aufgenommen. matt auf dem Umweg des "Prinzips Verantwortung" (H. Jonas) zur Rechten der Staatsprofessoren und ihrer in professoraler Serienproduktion verkommenen Wimis und Hiwis und Sonstigen, weil der Student sich nicht entblödet, die eigene Karrikatur zu karikieren. Sollte der Student ernstlich Einfluß nehmen können auf wirklich wichtige Fragen der Wissenschaft, von der er noch nicht so recht eine Ahnung hat, oder wenigstens bei der Berufung seiner Lehrer, die er erst recht nicht durchschaut, dann wäre nichts wesentlich anders; die Massenvorlesung wäre weiterhin die säkularisierte Form der Massenpredigt (K. Marx). Der Student würde weiterhin seine Lehrer mit Respekt hören, bereit, jeglichen kritischen Geist beiseite zu legen, um besser in der mythischen Illusion aufzugehen, Student zu sein, sich mit ernsthaften Fleiß bemühen, ernsthaftes Wissen in der Hoffnung zu sammeln, man werde ihm auch die letzten Wahrheiten anvertrauen; bah: seine Wahrheit ist sein Studienbuch. Der Student würde weiterhin ignorieren - übrigens wie sie ihn -, daß die Universität als Institution die Ignoranz kultiviert und daß seine dann miternannten professoralen Fachidioten sich vor jeder Gymnasialklasse blamieren würden. Nein, seine Linientreue würde weiterhin kontrolliert von den Wächtern der Gesellschaft, in deren Hierarchie jedermann willkommen ist, der sich wirklich nicht entblödet, im Zeremoniellen spezifischer Schulung sich einwickeln zuu lassen; mit Verlaub: wie um den kleinen Finger. Seine Bedürfnisse, wie die Bedürfnisse aller Menschen, bleiben weiterhin "immer nur ein Verkaufsargument, nie aber Antriebskraft herrschender Wissenschaft" (J. Ditfurth).
In der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft sollen und werden die anstehenden und gestandenen Akademiker wissend oder unwissend, egal - das doppelte Spiel des Kapitals spielen. Dieses Bildungsbürgertum wird - womöglich auf Anordnung hochschulpolitischer Funktionäre studentischen Fußvolks -, im Stile eines Bestallens primärer Karriere und Nachholens sekündärer Sozialisation, "im bodenlosen Sumpf einer gesellschaftlich überflüssigen Existens" (U. Enderwitz) wieder ins Schwarze treffen: Petitionen und Resolutionen verfassen, auf leeren Vollversammlungen und lehren Kongressen Reden schwingen. nein, die Studierendengemeinde, die im Nach-68er-Schoße herangereift ist, trägt faule Früchte. Sie ist in der Lage Parkplätze mit ihren Mittelklassewagen zu besetzen. Dabei käme es darauf an, die Bibliotheken zu halten, Begriffe zu besetzen und Bonn! Nein, die aktuelle Negation werden die zu "Hochschulpolitikerfindern" (U. Beck) sterilisierten ohne Vernunft im Kopf! Kritik in der Hand !!! und Wut im Bauch !!!!! nicht gebären, denn die innerlich zutiefst gefaßten Jungakademiker sind äußerst gefangen zwischen totaler Privatverwertung des Kapitals - samt sozialisierten Schulden - und totalisierter Kommunikation, so daß0 ihnen Hören und Sehen vergeht, deren Wissenschaftsform sich nach Maßgabe einer transzendentalen Subjektkonstitution strukturiert, dessen Denken so immer schon als Kapitales bestimmt ist.
Doch weg vom "Standort(verwaltungs)gebrabbel Hochschule" (Daxners Selbstkritik rührt in der eigenen Soße) ins dreckige Leben. In einer Welt des genuinen Kapitalismus gibt es nur ein Prinzip: den Profit. Dieses Prinzip kennt nur eine Logik, die Aristotelische: die einzigen Quellen des Reichtums, unsere menschliche Arbeit und deren Natur möglichst billig zu gebrauchen, auszutauschen, zu verwerten und sich der Quelle zu bemächtigen. Der allgemeine Kampf gegen auch akademisches Leben, gegen deren soziale Rechte und besondere Privilegien - mitunter schon als Denkverbots- und Schweigegeld gebrandtmarkt - befinden sich auf einen neuen Höchststand. Der Kapitalist, in einer Gesellschaft der Ware und des Spektakels beheimatet - aber immerhin hat er noch eine -, zwingt inter-esse-halber zur Profitmaximierung, permanent Lohnarbeit aus Kostengründen zu minimieren, xenonistisch-paradox die Grundlage seiner Art zu negieren. Arbeitsreichtum zeitigt Arbeitslosigkeit als nur ein Armutsergebnis seiner Produktivität (Kostenverlagerung und Umweltzerstörung erscheinen nur für "Grüne" als Alternative). Diese Zwickmühle nackter Tatsachen und kalter Zahlen erreicht eine Entwicklung hitzigen Debattierens und betuchten Intervenierens: die Politik "des Staats des Kapitals" (J. Agnoli).
Was den Universitäten zur Zeit auferlegt wird - und das steht hinter den Eckwerten der Bildungsgipfelstürmer und soll mal mittels "Bafög-Reform" unter Beihilfe bürgerszöglicher Studenten, mal mittels Zuckerbrot (gutes Geld für schlechte Projekte) und Peitsche (keine Anti-Akademikerarbeitslosigkeitsprogramme usw., usf.) durchgesetzt werden -, läßt sich wie folgt formulieren: "Der Universität wird die Zeit streitig gemacht!", weil sie nicht mit der Zeit geht, d.h. sich nicht nach kapitalistischen Gesetzen des - nie war er ein sozialer - Marktes strukturiert.
Der nekrophilen Masse der anstehenden und gestandenen Akademiker (H. Marcuse) bleibt die "freie" Qual der Wahl zwischen Verdinglichung und Vergesellschaftung, aber nbur derart, daß sie es schaffen "kritische Distanz zum Bestehenden (herrschenden Falschen) und interessiertes Bestehen auf dem Bestehen zur Deckung zu bringen; kurz, es gelingt (ihnen) unter Verzicht auf alles Interesse an Erkenntnis Erkenntnis und Interesse miteinander zu versöhnen" (U. Enderwitz). Kein Spaß, sondern beschämendes Ergebnis von Widersprüchen, die weder bewußt erfahren noch intellektuell verarbeitet wurden, was das eine wäre; widersprüchliches Denken zum Prinzip analytischen Denkens zu erheben, wäre das andere. Aber wie gesagt: Es gibt im Namen der Zukunft eine Rolle Rückwärts und dreht sich um "eine Abschaffung gerade derjenigen Zeit, wie sie von dem Vorgang, sich zu bilden, impliziert wird und wie sie das Bewußtsein des Menschen überhaupt konstituiert. Es formiert sich eine Ethik inquisitorischer Abwicklung, die, was da in Wert sich nicht ummünzen will, tilgt." (Bertram/Solbach).
Mit Hilfe des Begriffs des "Doppelcharakters der Arbeit" (Marx, Engels, Lenin) entblößt sich auch akademische Arbeit gerade trotz verwaltet-formeller Freiheit in ihrem Ausbeutungscharakter und stellt sich als entfremdet dar. Das Gegengift, das wir in Händen halten ist ebenfalls klar: widersprüchliche Begriffsanstrengungen sind sinnvoll für eindeutige Handlungsanstrengungen. Es wäre Schluß mit der methodischen Gedankenlosigkeit, die sich regelmäßig auf die Kernfragen bezieht, indem sie den totalen Standpunkt des Bestehenden ignoriert, deren Faktenfetischismus die wesentliche Kategorie verhüllt und deren Details die Totalität vergessen lassen.
Universitätskrisen - in ihr kommen ganz einfach die Schwierigkeiten einer verspäteten Konfirmation besonderer Produktionssektoren an die gemeinsame Modifizierung der Produktionsapparatur zum Ausdruck -, Detail einer allgemeinen Krise des aktuellen Kapitalismus, blieben nicht länger Gegenstand eines tauben Dialogs zwischen individuierten Spezialisten, wenn der objektive Funktions- und Interessenszusammenhang individuellen Handelns erkannt würde. Über eine Politisierung, notgedrungen vom billigen Erfahrungsschatz der Masse der Studenten ausgehend, die, auf deren doch zum Teil ausgeprägtem Gespür für Ungerechtigkeit aufbauend, ein Verlangen zur Freiheit - der Wissenschaft und aller Menschen - artikuliert, wäre hier und heute emanzipatorische Entwicklung möglich, die Kafka in Erinnerung ruft: "Erst wenn der letzte Kapitalist an den Gedärmen des letzten Bürokraten erhängt wird, wird die Revolution vollendet sein." Aber bis dahin käme es darauf an, zumal die universitäre Langeweile zur Tristesse einer Berufsschule verkommt - vielerorts bereits verkommen ist (Sozialwissenschaften), oder nie darüber hinauskam (Naturwissenschaften), die akademische Distanz - nicht unmittelbar in Kontakt mit der Stumpfheit metropolitischer Konsumentenmassen in einer High-Tech-Welt totaler Reklame - zu verlassen um die revolutionäre Distanz einzunehmen sowie praktische Kritik zur Krise zu radikalisieren, anstelle ständiger universitärer Loveparaden und periodischer Einführungs- bzw. Orientierungsriten "in die ganze alte Scheiße der alten Welt" (Che). Die explodiert ohnehin in ihrem rustikalen Korsett und im Elfenbeinturm zu Babel brabbelt man postmodern und immer etwas hinterher ... dabei käme es darauf an, sie zu verändern: die Welt. Laßt uns ebenfalls die Universitäten zersetzen, zweckentfremden, was wir für unsere Zwecke gebrauchen können, wenn wir nicht mehr wollen, was wir sollen. Das Ende des 2. Jahrtausends wird das Ende der Geschichte der Universität sein - in jedem Fall.
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Erstveröffentlichung: Kalaschnikow, Ausgabe 1 (Heft 1/95), S. 1, v. Mi., 22.11.1995
Zweitveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 17.08.1999
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003