"Das Psychische, das Bewußtsein usw. ist das höchste Produkt der Materie", heißt es bei Lenin; und: "Es ist die Funktion jenes (...) Stückes Materie, das als Gehirn des Menschen bezeichnet wird.".1 Unter dem Phänomen des Zeitbewußtsein, eines im irreversiblen wie auch reversiblen Verhältnis zur Dynamik von Bewußtseinszuständen des Gehirns stehendes, versteht sich Gehirn (sic!) als eine Population von rund 10 bis 100 Milliarden Neuronen, die in Beziehung zueinander aktiv sind; rund um die Uhr und gleichzeitig. Das Gehirn jedoch, auch das studentische, ist nicht die Quelle des Bewußtseins, sondern sein Organ. Dieses Organ wiederum versetzt Menschen in die besondere Situation, die sie umgebende Welt in ideeller Form widerzuspiegeln. Aufgrund dessen formulierte Marx folgerichtig: "Das Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren."2 Das Bewußtsein - die Creme de la Creme der Materie. Auch in studentischen Köpfen sollte genügend "geistiger, mentaler und psychischer " Stoff, aus dem die Träume, aber auch "das Erleben, Fühlen, Denken, Wollen, Beabsichtigen, Bemerken, Wahrnehmen, Erkennen, Aufmerken, Erinnern, Vergessen, Vorstellen ..." als Gehirn vorhanden sein.3
"Wir erfahren die Totalität menschlichen Erlebens - und erleben die Beschränktheit menschlicher Erfahrung -; die nekrophile Masse der Studenten nicht als bewußtes Sein, d.h. als praktisch-kritische, revolutionäre Tätigkeit, sondern als Anpassung an besondere Umweltbedingungen. Diesen massenhaft in ihrer Apathie verhafteten Studenten kommt durchaus ein experimentelles Bewußtsein zu, da sie als isolierte Individuen introspektiv - in der Lage und willens - erscheinen, besondere Bewußtseinsleistungen zu lernen, unter Vergegenständlichung ideeller Strukturen sowie einfachster Subjekt-Objekt-Trennung; d.h. sie sind in der Lage sich dem bestehenden Herrschenden Falschen unterzuordnen."4 Einerseits formiert sich Lernen, situativ-sensitive Umweltsignale formen sich über neuronale Korrelationen im Gehirn selbständig, über neue Verhältnisse von einzelnen Neuronen und Neuronengruppen, andererseits entsprechen neuronale Korrelationen (nach Hebb, 1949) analogen Korrelationen von Außenweltsignalen. "Eine einmal gelernte Gedankenassoziation ist gewissermaßen ein zeitlich geronnenes Korrelationsmuster."5
Einfügung:
Dies trifft sowohl auf den Leser wie auch auf den Autor zu, ist für beide gleich gültig und im Kontext gleichgültig.
Einander wechselseitig erfordernde und bedingende Gedanken, Assoziationen, Gedankenassoziationen, "alles, was mir bewußt ist, kann ich auch aussprechen, in Worte fassen, anderen Menschen mitteilen." Die Begriffserklärung muß allgemein - aber auch im besonderen bezüglich der Wörter "Bewußtsein" und "bewußt" -, um nicht haltlos zu sein, aus dem Verständnis der Theorie beschrieben werden, die seine Anschauung erfährt (im Sinne Adornos, Negative Dialektik). Vom Standpunkt des dialektischen Materialismus erscheint die Identitätsthese (Bewußtsein = Sprache) verträglich mit der marxschen These, daß das Bewußtsein ein gesellschaftliches Produkt sei (womit Marx eine Aussage zum Entstehungsprozeß und seinen Bedingungen kundtat), ohne einem Cartesischen Dualismus (Descarte: "cogito ergo sum") als mechanischen Materialismus respektive dem Parallelismus eines Leibnitz das Wort zu sprechen.6 Zugegebenermaßen besagt die Identitätsthese, daß bei der Interpretation (Theorie als das "Sprechen" über Empirie, Meta-Theorie als das "Sprechen" über Theorie) von Erfahrungen dieser keine Besonderheit zukommt, "indem man das Wort "Bewußtsein" hinzufügt. Wenn man aber (...) das Wort "Bewußtsein" benützen will, dann muß dies (bewußt) konsequent geschehen."7 Der Begriff "Bewußtsein" auf den Studenten - in seinem Funktions- und Interessenszusammenhang - angewandt, der "hört" (hier Nietzsche; aber auch Goethe benutzte dieses Wort), liest und schreibt, ist ein klarer Fall, weil hier ebenfalls die Fähigkeit der Veraloquenz aktiviert ist. man kann daher das (verständnisvolle) Hören (als Hören von Sprache, nicht von Geräuschen), Lesen und Schreiben ohne weiteres als "bewußt" bezeichnen".8
Einfügung
Werter Leser, Du hast obige Sätze gelesen. Jetzt liest du, daß Du obige Sätze gelesen hast. - Dies als Hinweis auf die Reflexionskraft/-potentialität von Hören, Lesen und Schreiben. Mit anderen Worten: Ich kann - wie ein Schaf - blöken, bspw. die Internationale, aber ich kann nicht blöken, das ich die Internationale Blöcke.
Die Identitätsthese stößt - wie dieses Beispiel zeigt - an ihre Grenzen, weil "bewußt" derart immer nur sprachlich gefaßt werden kann und hier seine Gültigkeit besitzt.9 Es kommt also darauf an, Herr der "eigenen" Sprache zu werden, und nicht ihr Knecht zu sein. Hegel analysiert "zwei Gestalten des Bewußtseins": "die eine das selbständige, welchem das Fürsichsein, die andere, das unselbständige, dem das Leben oder das Sein für ein Anders das Wesen ist; jenes ist der Herr, dies der Knecht."
Indem der Student in universitären Veranstaltungen nicht nur Hörender, sondern ebenso Sprechender ist (und das nicht "nur" in sog. "hochschulpolitischen Viertelstunden", in kurzen Abschlußdiskussionen e tutti quanti) wird aus einem "unglücklichen Bewußtsein" (Hegel) ein bewußtes Sein, gemäß dem Anspruch, "daß Menschen in Wissenschaften die Dimensionen gesellschaftlicher Praxis gewinnen, in der sie ihre Unterdrückung und Unmündigkeit aufzuheben vermögen", als Radikalisierung der "Krise des Bewußtseins zum Bewußtsein der Krise"; indem gerade nicht "der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird", sondern - in Übereinstimmung von Wahrheit und Parteilichkeit als dialektische Negation - indem der Gedanke zur Wahrheit drängt und umgekehrt und die revolutionärste Tat möglicherweise darin besteht, wie Rosa Luxemburg sagte, immer wieder zu sagen, was wirklich ist, derart, daß wir "den geltenden sprachlichen und gedanklichen Anforderungen Gefolgschaft versagen, ehe deren welthistorische Konsequenzen (den Versuch der Dialektik der Aufklärung "auf die Spur zu kommen") (dies) vollends vereiteln".10
Anmerkungen:
(1) LW, Bd. 14, S. 226
(2) Marx/Engels, Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 30
(3) Schleichert, S. 12
(4) AutorInnenkollektik Novemberflugschrift der Schmetterlinge des Sozialismus/Rotes Plenum, S. 21 (5) Mainzer, S. 100f.
(6) vgl. Ritter, S. 88ff.
(7) Schleichert, S. 209
(8) Schleichert, S. 210
(9) vgl. Schleichert, S. 210f.
(10) Adorno/Horkheimer, S. 1f
Literatur:
Joachim Ritter (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel 1971
Hubert Schleichert, Der Begriff des Bewußtseins: eine Bedeutungsanalyse, Frankfurt/Main 1992
AutorInnenkollektiv Novemberflugschrift der Schmetterlinge des Sozialismus/Rotes Plenum, Novemberflugschrift, Über das studentische Elend, Berlin 1994
Klaus Mainzer, Zeit - Von der Urzeit zur Computerzeit, München 1995
Marx/Engels Werke (MEW), 44 Bde., Berlin/Ost
Lenin Werke (LW), 38 Bde., Berlin/Ost
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
Erstverwertung: Philosophischer Salon, Berlin
Erstveröffentlichung: Kalaschnikow, Ausgabe 2 (Heft 2/95)
Zweitveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 17.08.1999
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003