Nachdem der Anspruch, "daß Menschen in Wissenschaften die Dimensionen gesellschaftlicher Praxis gewinnen, in der sie ihre Unterdrückung und Unmündigkeit aufzuheben vermögen" (11), meiner Kritik bereits im ersten Teil dieser Serie, die in der 2. Ausgabe der Kalaschnikow veröffentlicht wurde, anheimgefallen ist, bedarf es der Frage, worin die Wiedergewinnung ihres gesellschaftstheoretischen Erkenntnisvermögen liegt, wenn nicht in der Besinnung auf eine grundlegende und umfassende auf politischer Ökonomie basierende systematische Analyse der Gesellschaft?
Erkenntnis ist ein nach Wahrheit dürstender Diskurs, bewußt und selbstreflexiv, der sich eingedenk der Problemformulierung und die (nicht Genitiv, sondern tatsächlich Akkusativ) thematische Totalität historisch entwickelt und in aufklärenden Begriffen widerspiegelt. Es ist an der Zeit "dem Märchenmotiv bürgerlicher Aufklärung: dem Mädchen, das den Kaiser als nacht entlarvt, eine Wendung zu geben: aufmerksam machend auf die, deren Nacktheit durch Sprache nur um so schöner wird als die Blöße der Herrschaft, was nichts anderes heißt als dem Unbehagen der unterdrückten, konkret sinnlichen Theorie-Praxis Worte der Kritik zu verleihen, die nicht mehr über der entsprechenden Praxis schwebten. Die Kritik der konstruierten Kommunikation bestimmt die Methoden der Theorie, die die gleichen ihrer Praxis sind. Keine Frage: Die Methoden bestünden in dem ständigen Verweis auf die Kleidsamkeit der eigenen Worte." (12) Und woraus besteht die Rehabilitation einer revolutionären kritik wenn nicht aus der intentionalen Vernunft - als Instrument der Aufklärung, die nicht in Mythologie umschlägt, sondern sich autonom bleibt (vgl. Horkheimer, 1947, "Eclipse of Reason" ist quasi seine Negative Dialektik) - einer als materialistische Geschichtsphilosophie verstandenen historischen Kritik der Gesellschaft?
Einfügung:
"Das Wort soll unmittelbare Macht haben über die Sache, Ausdruck und Intention fließen ineinander. List jedoch besteht darin, den Unterschied auszunutzen. Man klammert sich ans Wort, um die Sache zu ändern. So entspringt das Bewußtsein der Intention: in seiner Not wird Odysseus des Dualismus inne, indem er erfährt, daß das identische Wort verschiedenes zu bedeuten vermag .. Selbsterhaltende List lebt von jenem zwischen Wort und Sache waltenden Prozeß." (Adorno/Horkheimer, S. 67f). doch dieser Prozeß ist und bleibt ein gesellschaftliche, in den die Vernunft wie das Pferd vor den Karren geschirrt ist, dessen Charakteristikum einzig und allein in der Funktion besteht, Natur und Menschen zu beherrschen: als Überlebensstrategie durch Naturbeherrschung, als Versachlichung des Menschen - ähnlich der Abstraktion des Tauschwerts von Waren in der kapitalistischen Gesellschaft. Mit anderen Worten: Das begriffliche Denken dient nicht mehr der Enthüllung des Bestehenden, sondern verhüllt dessen Irrationalität. Der bürgerliche Intellektuelle versteht am Ende der Geschichte der entfremdungsbedingten Heteronomie und Ambivalenz nicht mehr das doppelte Spiel des kapitals - das aus totaler privativer Verwertungsstrategie und totalisiertem kommunikativem Veranstaltungsprogramm als einfache Entscheidung zwischen Verdinglichung und Vergesellschaftung, und schafft es erstmals am Ende dieser Geschichte, kritische Distanz zum Bestehenden und interessierten Bestehen auf dem Bestehenden zur Deckung zu bringen; kurz, es gelingt ihm, unter Versicht auf alles Interesse an Erkenntnis Erkenntnis und Interesse miteinander zu versöhnen.
Widersprüche bewußt zu erfahren und intellektuell zu verarbeiten ist das eine; widersprüchliches Denken zum Prinzip analytischen Denkens zu erheben das andere. Was bspw. das Bürgertum - in Erkenntnis seines objektiven Funktions- und Interessenzusammenhangs - für die Französische Revolution ist der Widerspruch für den dialektischen Materialismus, der "wahren" Bewegung aller Entwicklungsprozesse, auch der Entwicklung der herrschenden Wissenschaft. Ich spreche materialistisch von "objektiver " Wahrheit als auch dialektisch von "relativer" und "absoluter" Wahrheit - im Sinne Leninscher Erkenntnistheorie. (13) Derart bildet sich die Einsicht, daß selbst bei der Entwicklung der jeweils herrschenden Wissenschaft von Revolutionen oder von "Wendezeiten", die mit derartigen Widersprüchen zusammenhängen, gesprochen werden muß; zu unterscheiden wären Zeiten herrschender Wissenschaft (hic et nunc bürgerliche Wissenschaft) und wissenschaftlicher Revolutionen. Allerdings ist es notwendig, Widerspräche methodisch einwandfrei zu denken, wie es notwendig ist, die vielfältigsten Erscheinungsformen der Wirklichkeit zu verallgemeinern und in Entwicklungsgesetzen von Natur und Gesellschaft zur Einheit zu vermitteln. Nach Marx, Engels und Lenin muß eine derartig begründete Theorie, die den Ursprung der dialektischen Form (als Einheit von Form und Inhalt) aus der materiellen Form des "Weltganzen" ableitet, dialektisch sein und als solche "deskriptiv", d.h. Denken in Widersprächen als Methode Verhältnisse der Entwicklung von Natur und Gesellschaft wie ihre Entwicklungsverhältnisse zu begreifen. Engels spricht hier (Dialektik von Natur) von einer "Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs". (14) Diese Dialektik ist eine "subjektive" Dialektik (als Denkgesetz und Methode), die sich a priori aus dem "Widerspiegelungstheorem" der primär "objektiven" Dialektik einer dialektisch-materialistischen Ontologie - also aller materiellen Verhältnisse als Einheit von Begriffsform und Wirklichkeitsform ihrer Totalität - beweist. "Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen" (15); allerdings in reinterpretativer Durcharbeitung je historischer Erkenntis. Hieraus ergeben sich Konsequenzen für "Menschen in Wissenschaften" i Verhältnis von Theorie und Praxis.
"Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seine Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- und rückschreitenden Veränderungen zustande kommen." Hegels System, so Engels, sei es, "worin zum erstenmal - und das ist sein großer Verdienst - die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen dargestellt und der Versuch gemacht wurde, den inneren Zusammenhang in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen." (16) Nur hat Hegel mystisch die Wirklichkeit erscheinen lassen, indem er spekulativ Begriffe konstruierte, während Marx gerade nicht idealistisch Begriffe aus der Empirie ihrer Gegenstände ableitete. Nun muß man Hegel zugute halten, daß er, weil Totalität nie empirisch gegeben ist, da sie endliche Erfahrung "überlebt", Dialektik nicht von Erfahrungsformen der Gegenstände, sondern von Denkformen der Gegenstände entwickelt hat. Trotz alledem mußte er vom "Kopf auf die Füße" gestellt werden, weil dialektische Verhältnisse sowohl Denkverhältnisse als auch Seinsverhältnisse (als dialektische) sind. Hieraus ergeben sich Konsequenzen für "Menschen in Wissenschaften" im Verhältnis von Denken und Sein. "Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie", erkannte Engels, "ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein," (17) und fragt: "Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur?" (18) "Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalten sich die Philosophen in zwei große Lager, Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten ..., bilden das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus." (19) Außerhalb von wie zwischen Idealismus und Materialismus gab und gibt es nichts Drittes, wie die dialektische Geschichte moderner Wissenschaft -beginnend mit Galilei, der aufgrund der experimentellen Methode und mithilfe der reicher werdenden und Schritt für Schritt mehr Macht erringenden Klasse der "Medicis", die ihr begründetes Interesse hatte, diese neue Wissenschaft politisch gegen das Feudalsystem - auf seine Art und Weise, wissen oder unwissentlich - durchsetzte - (vom mechanischen Materialismus über den dialektischen Idealismus zum dialektischen Materialismus) beweist. Nicht zuletzt besagt die Widerspiegelung des Widerspeigelungsverhältnisses (Reflexion der Reflexion) das Idealistische des Denkens und das Materialistische des Seins. Das Widerspiegelungstheorem - als Struktur-(Form)theorie des "Gesamtzusammenhangs"- ist primär von ontologischer und erst sekundär von erkenntnistheoretischer Prämisse. Diese formuliert Engels dann wie folgt: "Die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein hat aber noch eine andre Seite: Wie verhalten sich unsere Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit zu erzeugen?" (20)
"Menschen in Wissenschaften" sind - auch im Sinne des Basis-Überbau-Theorems nach Marx und Engels - arbeitende (Produktionsverhältnisse) und produzierende (Wissenschaft als Produktivkraft) einer aktuellen Gesellschaft, die als kapitalistische zu definieren ist. Wesensmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft ist in diesem Sinne - im wahrsten Sinne (Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand) - der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital; nicht intendierend ein reduktionistisches Unterscheiden einer bestenfalls Problemformulierung im polaren Gegensatzpaar von Armut und Reichtum, die Lösungsstrategie als Phraseologie von Gerechtigkeit via Umverteilung - selbstredend von oben nach unten - spräche logischen Obskurantismus das Wort, sondern ein antagonistisches Verhältnis offenbarend. Lohnarbeit und Kapital - kein entweder oder, sondern Lohnarbeit schafft sowohl den kapitalistischen Profit als auch sich selber. "In einer Welt des genuinen Kapitalismus gibt es nur ein Prinzip: den Profit. Dieses Prinzip kennt nur eine Logik, die Aristotelische: die einzigen Quellen des Reichtums, unsere menschliche Arbeit und deren Natur möglichst billig zu gebrauchen, auszutauschen, zu verwerten und sich der Quelle zu bemächtigen" (21). Der Kapitalist, in einer Gesellschaft der Ware und des Spektakels beheimatet und diesen Status quo konservierend, hat keine Qual der Wahl zwischen der Erhöhung der Einnahmen oder der Senkung der Ausgaben (aktuelle Debatte zwischen sowohl Menschenarbeits- und MaschinenlaufZEITen sowie LandenöffnungsZEITen als auch Da-Seins-Deformationen: Schlanke Produktionen, Produktivitätssteigerungen, Lohn(neben)kostensenkungen, Entlassungen), zwingt interessehalber zur Profitmaximierung, permanent Lohnarbeit aus Kostengründen zu minimieren, xenonistixh-paradoc die Grundlage seiner Art zu negieren. Arbeitsreichtum zeitig Arbeitslosigkeit als nur ein Armutsergebnis seiner Produktivität. Diese Zwickmühle nackter Tatsachen und kalter Zahlen erreicht eine Entwicklung hitzigen Debattierens und betuchten Intervenierens: die Politik "des Staats des Kapitals" (Agnoli)!
Anmerkungen:
(11) AutorInnenkollektiv Novemberflugschrift, S. 24
(12) AutorInnenkollektiv Novemberflugschrift, S. 40
(13) Lenin, Werke, Bd. 20, S. 130f.
(14) Engels, Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20 , S. 307
(15) MEW, Bd. 20, S. 481
(16) Engels, Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20, S. 20f.
(17) Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW, Bd. 21, S. 274
(18) MEW, Bd. 21, S. 275
(19) MEW, Bd. 21, S. 275
(21) MEW, Bd. 21, S 275
(21) AutorInnenkollektiv Novemberflugschrift, S. 27
Literatur:
- AutorInnenkollektiv Novemberflugschrift, Über das studentische Elend, Berlin 1994
- Lenin Werke (LW), 38 Bde. Berlin/Ost
- Marx/Engels Werke (MEW), 44 Bde., Berlin/Ost
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
Erstverwertung: Philosophischer Salon - Der Verlag
Quelle: Kalaschnikow - Das Politmagazin
Ausgabe 3, Heft 1/96, S. 4f.
Update: Berlin, So., 30.01.2000