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Von der Krise des Bewußtseins zum Bewußtsein der Krise
Teil 3 der Serie
Bei meiner Analyse zu "Studiezeit ud Studentenbewußtsein" als Gegenstandswidersrpcuh begrifflicher Reflexion im Raum konfligierender Interessen in wie von Universität und Gesellschaft kategorisiere ich den Marschen Doppekcharakter der Ware: Wenn sie das ein Doppel von Gebrauchs- und Tauschwert darstellt, stellt sich Arbeit als insofern gebrauchswertproduzierende äquivalent zur Tauschwertproduzentin; aber auch nur halbschattig. Derart werden wohlverstandene studentische Widersprüche kritizistisch erklärbar. Diesbezüglich besteht studentisches Doppeldasein als reales Wirken der Gebrauchswerte (emanzipatorische Relevanz respektive "verallgemeinerte Handlungsfähigkeit" (Holzkamp, 1983)) contra "vorgestelltem" (Note via Examina als Maßstab der Leistung - vier, fünf Monate in Relation zu 10 bis 15 Seiten). (22)

"Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkret nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte." (23) Das Schreiben einer richtigen Hausarbeit zur falschen Zeit ist "Arbeitsprozeß" und "Wertbildungsprozeßt" in einem. (24) Im Erscheinen dieser Hausarbeit (als Einheit von Gebrauchswert (fragt sich nur für wen oder was) und Tauschwert befindet sich nicht nunterschiedliche Arbeit, sondern "dieselbe Arbeit (ist) verschieden und selbst entgegengesetzt (...), je nachdem sie auf den gebrauchswert der Arbeit (als technishce oder emanzipatorische Relevanz) als ihr Produkt oder auf den Warenwert als ihren bloß gegenständlichen Ausdruck bezogen wird." (25)

Die Formation der (Überbau-)Universität in der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft als Produktivkraft (Humankapital ...) unterdrückt den Studenten, indem er in ihr aktiv und konstruktiv zugleich teilnimmt. Entscheidend ist hier die Funktion des Studenten: "der zwangsweisen eingewöhnung in jene Ellenbogengesellschaft, die in Staat und Wirtschaft herrscht, und der Herstellung funktionierender, rationeller und effektiver Staatsbürger. Es geht um die Maximierung der Profite und um die Aufrechterhaltung des Status quo." (26) Dieses funktionale Sein im funktionalen (Aus-)Bildungsprozeß bestimmt das bewußtsein der Studenten; es spaltet sich wie seine Arbeit. Studentische Arbeit als konkret nützliche Arbeit im "Arbeitsprozeß" bedeutet hierbei, daß sie den Wert ihrer Produktionsmittel transformiert auf das Produkt (der Geist der Bibliothek erblickt das Grau in Grau der Welt), als abstrakte Arbeit "bildet" sie Wert (die Eule der Minerva als Trophäe). Studentische Arbeit ist zugleich wertbildende und werttransformierende Arbeit.

"Da aber der Zusatz von neuem Wert zum Arbeitsgegenstand und die Erhaltung der alten Werte im Produkt zwei ganz verschiedene Resultat sind, die der Arbeiter in derselben Zeit hervorbringt, obgleich er nur einmal arbeitet, kann diese Doppelseitigkeit des Resultats offenbar nur aus der Doppelseitigkeit seiner Arbeit selbst erklärt werden." (28´7) Diese strukturelle Differenzierung gilt für jedwede Warenproduktion - auch für akademische. Zur kapitalistischen form der Warenproduktion wird sie aber erst als "Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß". (29) "Indem der Kapitalist Geld (Drittmittelfinanzierung und -forschung oder aus erster Hand. Staat als ideeller Gesamtkapitalist) in Waren verwandelt, die als Stoffbildner eines Produkts oder als Faktoren des Arbeitsprozesses dienen, indem er ihrer toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt, verwandelt er Wert, vergangene, vergegenständlichte, tote Arbeit in Kapital, sich selbst verwertenden Wert, ein beseeltes Ungeheuer, das zu 'arbeiten' beginnt, als hätt` es Lieb im Leibe." (29)

Mit Hilfe des Begriffs des Doppelcharakters der Arbeit entblößt sich akademische Arbeit gerade trotz formeller Freiheit in ihrem Ausbeutungscharakter und stellt sich als entfremdet dar. Forschung, Lehre und Studium sind weniger "Ausdruck selbstbestimmter individueller Spontanität" als vielmehr unter dem Druck der Hege und "Pflege der Wissenschaften und Künste" (vgl. § 2 HRG), die gerade nicht im öffentlichen Interesse stehen und schon gar nicht "im Interesse Einzelner zu erfüllen sind". (30) Forschung, Lehre und Studium unterstehen dem Zusammenspiel von Dogmen und Despoten, deren Vernunft der Aufklärung zugleich ihre Herrschaft ist. Das Interesse das sich derart formiert, ist das Interesse einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die in Hinterzimmern geschmiedet wird. Nicht das Volk herrscht, auch nicht das Wahlvolk, das nur seiner internalisierten staatsbürgerlichen Pflicht nachkommt - sonder das Interesse. Es ist nicht das öffentliche Interesse, sondern das Interesse wird öffentlich. Das Interessensverhältnis in einer (geschlossenen Gesellschaft und ihrer Freunde (Popper rückwärts lesen und `nen Joint auf den Lippen - year!!!)) kapitalistischen Gesellschaft ist das zwischen Lohnarbeit und Kapital. In ihr herrscht das historisch gewachsene vom kapital ausgehende Interesse. Alles weitere Interesse (institutionalisiert in "Technologie-, Arbeitsmarkt-, Struktur-, Bildungs-, Umwelt- und Medien- (Real-)Politi, (womit auch die Reihenfolge der wichtigsten Arbeitsfelder (der Politikfachidioten) angegeben ist)) (31) ist untergeordnetes Interesse. Mit anderen Worten: Weder die Unviersität noch die Gesellschaft ist demokratisch.

Einfügung
"Was den Universitäten zur Zeit auferlegt wird, läßt sich wie folgt formulieren: Der Universität ist die Zeit streitig gemacht, die Zeit gezogen - Punkt. Zeigt das Studium von seiner Verfassung her sich als Erstreckung von Zeit, so wertet eine nun politisch in Angriff genommene Strategie dies als fassungslose Gewährung von Asyl. Die Spitze des entworfenen Gipfels richtet sich gegen die universitäre Bahnhofsmission, deren Verweildauer als Mißbrauch stigmatisiert wird. Die Durchführungsverordnugn initiiert eine Abwicklung der Universität von der Zeit. Die Universität, außerhalb der Kapitale stehend, stellt innerhalb ihrer nunmehr das Schlachtfeld des aktuellen spektakels dar. Das Kapital hat, protegiert durch "die Quasselbuden des Kapitals" ihre Positionen (Zwischenruft: "Eckwerte!") präsentiert. Da heißt es: "Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Wirtschaft müssen noch enger zusammenarbeiten." In diesem Sinne der kapitalistischen Ausbeutung soll der Studienraum "enger", "gesichert", "gesteigert", "entfrachtet", es soll den "absehbaren Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft besser entsprochen" werden. (Zwischenruf von Karl: "In der Ökonomie der Zeit lösen sich alle anderen Ökonomien auf.") Das Infusum fließt in den Gebrauchswert von Worten nieder: dem "Wert", im Zusammenhang abendländischer Bildung Inbegriff des gerade nicht Bezahlbaren, wird allein ökonomisch noch "entsprochen". Die eidesstaatliche Ablage der "Evaluierung" (Zwischenruf: "die Selbst- und Fremderniedrigung durch Noten und Examina wider empirisch besseren Wissens") der Hochschulen, hat einzig für den pekuniären Wertbegriff noch Verwendung, realisiert derart eine Verengung des Wortes "Wert". Damit ist die Stätte der homiletischen Werte par excellance, unsere Universität, ihres pluriformen Sinns (Zwischenruf: "Im wahrsten Sinne des Wortes."), ihrer Potentialität und ihres - gerade sprachlichen - Seins beraubt. ... Es geht eindeutig um "eine Abschaffung gerade derjenigen Zeit, wie sie von dem Vorgang, sich zu bilden, impliziert wird un wie sie das Bewußtsein des Menschen überhaupt konstituiert. Es formiert sich eine Ethik inquisitorischer Abwicklung, die, was da in Wert sich nicht ummünzen will, tilgt. Die humanistische Ethik der Gabe von Zeit soll und wird ... zu einer Ethik der Schuld transformiert: Studierende schulden Zeit und müssen ihre Schuld schnellstmöglich durch Fungibilität wettmachen um ihre Kreditwürdigkeit zu erhalten." "Hinter der Rhetorik die "Zukunft zu sichern wirkt ein Projekt der Zentralisierung. Die angestrebte "Entfrachtung" der Bildungsmaschinerie führt zu seinem Punkt zurück, an dem der "Wert" im Singular der Konzentration und nicht mehr im Plural er Zerstreuung besteht." Im Namen der "Zukunft" geht es in einem "roll back" einzig und allein um eine Restauration des genuinen Kapitalismus. "Evaluation" willigt in diese Betrachtungsweise ein."" (32)


Nicht aus dem Augenmerk bei der Unterscheidung konkret nützlicher und abstrakt allgemeiner Arbeit darf die Tatsache gelassen werden, daß menschliche Arbeit über Mehrarbeit erst zur Ware wird (Entwicklung der Produktivkräfte). Dieser Umstand, transformiert in die postmoderne Geschwätzigkeit wissenschaftlicher Umtriebe, findet seine Abartigkeit darin, daß die Früchte studentischer Arbeit u.a. den Karrieristen professoraler Serienproduktion dient. Studentische Werke finden sich - den Kult der Quelle entzaubernd - unter professoraler Herausgeberschaft, die im Glanze ihrer Schreibtischlampensonne eine diskursfaschistische Solarbräune ergaunern. Diese verlogene Situation - und auch etwas zu unterschlagen bedeutet Lüge - verdeutlicht aufs Schändlichste die Quintessenz Marxscher Werttheorie; im Begriff des Doppelcharakters findet sich technische wie emanzipatorische Relevanz - der fesselnde Knoten und das diesen zerschlagende Schwert (als Waffe der Kritik). Über eine Politisierung, notgedrungen vom Erfahrungsschatz der Masse der Studenten ausgehend, die, auf deren Gespür für Ungerechtigkeiten aufbauend, ein Verlangen zur Freiheit artikuliert, wäre hic et nunc emanzipatorische Entwicklung möglich.

Es ist klar: widersprüchliche Begriffsanstrengungen sind sinnvol für eindeutige Handlungsanstrengungen. Doch welche müssen notwendig unternommen werden, ums ich aus dem Doppelcharakter der Arbeit zu befreien? Studenten dürfen den Doppelcharakter der Arbeit nciht als Widerspruch begreifen, was hieße: das eine oder das andere gänlich zu beseitigen, bspw. die wertbildende Arbeit, sondern sie müssen dagegen kämpfen - ohne wenn und aber -, daß die wertbildende Arbeit das Diktat ihrer studentischen und gesellschaftlichen Verfaßtheit bleibt.

Widerstand ist nicht primär eine Frage der moralischen Empörung oder der Auflehnung einzelner gegen ihre jeweils individuelle Beschränkung, sondern ergibt sich im wesentlichen aus der Erkenntnis des objektiven Funktions- und Interessenzusammenhangs individuellen Handelns und damit auch der Verantwortung des einzelnen für die gesellschaftliche Realität. Der Kampf gegen die bei uns gängige Ausblendung dieses objektiven Zusammenhangs auf den verschiedenen Ebenen des sozialen Lebens ist somit eine wesentliche voraussetzung dafür, um so für gesellschaftliche Entwicklung zu kämpfen.

Anmerkungen:

(22) siehe MEW, Bd. 13, S. 53f.
(23) MEW, Bd. 23, S. 61
(24) vgl. MEW, Bd. 23, S. 201
(25) MEW, Bd. 23. S. 22
(26) AK, novemberflugschrift, S. 25
(27) MEW, Bd. 23, S. 214
(28) MEW, Bd. 23, S. 211
(29) MEW, Bd. 23, S. 209
(30) Preuß, S. 159
(31) Leggewie, S. 110
(32) AK, novemberflugschrift, S. 18ff

Literatur:

AutorInnenkollektiv novemberflugschrift, Über das studentische Elend, Berlin 1994
Marx/Engels Werke, (MEW), 44 Bde. Berlin/Ost
Ulrich K. Preuß, Demokratie in der Uni, S. 151ff., in: Karl Markus Michel, Tilman Spengler (Hrsg.), Kursbuch, Uni-Not, Bd. 97, Berlin 1989
Claus Leggewie, Politologie: Wissenschaft oder Kaderschmiede?, S. 99ff., in: Karl Markus Michel, Tilman Spengler (Hrsg.), Kursbuch, Uni-Not, Bd. 97, Berlin 1989

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
    Erstverwertung: Philosophischer Salon, Berlin
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow, Ausgabe 4 (Heft 2/96)
    Zweitveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 19.09.1999
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003