Kennzeichen der modernen Wissenschaft - nach Galilei respektive nach der Begründung experimenteller Philosophie - ist ihre politische Entmächtigung wie ökonomische Begünstigung durch das Bürgertum. Begutachtet man die bürgerliche Wissenschaft im Kriterium dieses Schicksals und vor dem Hintergrund der realhistorischen Entwicklung der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft, die der Kapitalismus erzwingt, so kommt man nicht umher das Ende der Geschichte einer Entfremdung zu datieren, "einer Entfremdung zwischen der ökonomischen Substanz der bürgerlichen Gesellschaft, dem industriellen Kapital, und ihrem politischen Subjekt, der bildungsbürgerlichen Schicht, einer Entfremdung, die seinerseits das Bildungsbürgertum nötigt, zum industriellen Kapital auf Distanz zu gehen, und immer neue Theorien von einer, an der eigenen kontemplativ-ästhetischen Lebensform orientierten, und dadurch den kapitalistischen Zwängen und Denkformen entronnenen, reformierten Existenz zu entwerfen. "Die bürgerliche Gesellschaft ist eine kapitalistische Gesellschaft, also eine Gesellschaft, deren Struktur ihren Mitgliedern die gemeinsame Regelung ihrer Angelegenheiten nach Zwecken der allgemeinen Vernunft nicht erlaubt." (33) Diese bürgerliche Wissenschaft konstituiert sich aus einer derart geistigen Produktion, als eine besondere Form menschlichen Erkenntnisverhaltens in Abhängigkeit von analogen Produktionsverfahren, die diesen wiederum entsprechen. Wissenschaft als entsprechende Produktivkraft heißt - dialektisch verstanden: Produktivkräfte sind ebenso Destruktivkräfte. Träger der Destruktion sind die "Unterdrückten", bei denen, so lautet der Kernsatz der materialistischen Dialektik, die Wahrheit liegt.
Kennzeichen einer Kritischen Wissenschaft jedoch ist generell durch die Verbindung von Wissenschaftskritik und Gesellschaftskritik definiert. Das bedeutet, daß die Maßstäbe, mit denen gesellschaftliche Instanzen an die Universität herantreten, selber grundsätzlich zur Disposition stehen müssen. In einer bürgerlichen Gesellschaft, die auf der ökonomischen Basis privatrechtlicher Warenwirtschaft existiert, stehen sich Kapital und Lohnarbeit gegenüber. Im aktuellen Kapitalismus besteht eine Abhängigkeit aller einzelnen von ihrer gesellschaftlichen Zusammenarbeit. Voraussetzung hierfür ist eine exakte Kenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge und ihrer Gesetzlichkeiten. Dies nun ist die Aufgabe der Wissenschaft. Hic et nunc ist die Wissenschaft allgemeines Erkenntnisorgan einer gesellschaftlichen Praxis, die die Verwirklichung des Menschen in der Entfaltung seiner eigenen Natur durch Aneignung der ihm äußeren Natur zum obersten Ziel hat. (34) Gewisse Erfolge der Studentenbewegung waren seinerzeit möglich geworden, weil die quantitative Ausweitung und qualitative Umstrukturierung nicht nur des Hochschul-Bildungsbereichs auch systemfunktional war. Dieser Kontext einer reformorientierten Umstrukturierung erlaubte es, inselartig, kaum massenhaft, aber immerhin auch systemkritische Positionen in den Universitäten unterzubringen. Die gegenwärtige - wieder als systemfunktional charakterisierbare - quantitative Reduzierung und restaurative Umstrukturierung der Universitäten impliziert die Eliminierung systemkritischer Positionen aus der Universität. Die Rede vom Sparzwang, wie Morus Markard feststellte - um das Haushaltsloch der öffentlichen Kassen nicht weiter wachsen zu lassen - ist das ideologische Schmiermittel zur Ersetzung von Hochschulpolitik durch Ökonomie. Kritik muß so nicht einmal diffamiert werden, man braucht alternative Ansätze nur als leider nicht mehr finanzierbare Girlande, als leider nicht mehr tragbaren Luxus, auf den man nur bedauerlicher verzichten müsse, zu charakterisieren, um eine gewissen Zustimmung zu organisieren. So wandelt sich, eine typisch ideologische Figur, das Etablierte zum Notwendigen, die Kritik zum Luxus. "Die Ideologien sind einerseits falsches Bewußtsein, aber sie sind andererseits als dieses falsche Bewußtsein in sich sowohl wie genetisch notwendig bedingt." (35) Ein falsches Bewußtsein enthält notwendigerweise, wenn es notwendig verkehrt ist, die Wahrheitsfrage. Das Postulat der marxistischen Ideologiekritik als Wahrheitskritik hat als Zweck immer die praktische Veränderung des menschlichen Seins - zum "Bewußtsein der Krise". "Der Satz, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein der Menschen ihr Bewußtsein bestimmt, definiert das ausgesagte Verhältnis von "gesellschaftlichem Sein" und "Bewußtsein"." (36)
Anmerkungen:
(33) Tomberg, 1974, S. ?
(34) Tomberg, 1973, S. 144ff.
(35) Sohn-Rethel, 1971, S. 9
(36) Sohn-Rethel, 1971, S. 11
Literatur:
Alfred Sohn-Rethel, Warenform und Denkform - Aufsätze, in: Karl Heinz Haag, Herbert Marcuse, Oskar Negt, Alfred Schmidt (Hrsg.), Kritische Studien zur Philosophie, Frankfurt/Main, 1971
Friedrich Tomberg, Bürgerliche Wissenschaft - Begriff - Geschichte - Kritik, Frankfurt/Main, 1973
Friedrich Tomberg, Basis und Überbau - Sozialphilosophische Studien, Darmstadt und Neuwied, 1974
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
Erstverwertung: Philosophischer Salon, Berlin
Quelle: Kalaschnikow, Ausgabe 5 (Heft 3/96), S. 25f.
Zweitverwertung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 17.08.1999
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003