S t e f a n    P r i b n o w

 
     
In der Ökonomie der Zeit lösen sich die Universitäten auf
Oder: Politische Ökonomie und unpolitische Studenten
Der spiegelverglaste Elfenbeinturm bürgerlicher Wissenschaft mit den Abteilungen Lehre, Studium und Forschung ist gekennzeichnet durch eine Auslagerung von Forschung in Max Born, Max Delbrück-, Max Planck, Hahn Meitner, Heinrich Herz, Paul Drude, Ferdinand Braun, Fritz Haber, Frauenhofer u.a. wohlklingende Namenseinrichtungen. Allesamt heilige Stätten der akademischen Gemeinde mit Standleitung zum ersten Haus am Platze, dem Institute für advanced studies in Princeton, USA. Weniger lukrative Disziplinen werden von unzähligen An-Instituten und Forschungsverbünden abgedeckt; dort tummelt sich der wissenschaftliche Freak neben dem Alt-68er, der es rundum geschafft hat, sich einzurichten. Der Uni-Ausverkauf geht weiter und wird begleitet von einer steigenden Ergebenheit unter obertäniger Drittmittelfinanzierung und -forschung der an Universitäten Hinterbliebenen. Das Verhältnis von mehr schlecht als recht kontrollier- und sanktionierbarer Hoch- und Fachhochschulforschung auf der einen und verdeckter außeruniversitärer Forschung auf der anderen Seite ist geprägt durch einen steigenden Transfer von Wissenschaft in Wirtschaft und ihrer Instrumentalisierung zur Wirtschaftsförderin mittels Forschungs- und Technologieparks, -pools und -zentren. Via Graduierten-Kollegs - ohne Lehrverpflichtung und stipendienbestallt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - puscht das Establishment nicht nur dort seine nächste Generation, angepeilt ersteinmal die Sichtweite zum Nobelpreis, dem Forschungsoskar, um diese Elite in ihre Paläste einzufahren. Deren - jeglicher Kontrolle entzogene - außeruniversitäre Forschung blüht, während die Universität zur Betreiberin von Geisteswissenschaften verkommen ist; zur Beschäftigung der Mittelmäßigen gibt es ein bißchen allseits benörgelte Aus- und Weiterbildung in Sozial- und Naturwissenschaften. Warum das alles und wer oder was steckt dahinter?
Die Auflösung der Universität ist einerseits Resultat einer strukturellen Modifikation ökonomischer Progression, ausgelöst durch Produktivitätsschübe aktueller High-Tech-Industrien. Traditionelle ökonomische Theorien erklären die Regression klassischer Industrien von Branchen wie Steinkohle, Öl und Stahl mittels knapperer Naturressourcen; genauer: als Resultat des Privateigentums an knappen Ressourcen. Wissen doch manche der Bourgeoisie: Je mehr jene Waren produziert und in die "Warenhäuser" transportiert werden, desto problematischer gestalten sich Raubbau, Produktion und Mehrwerterpressung, Lohn, Preis und Profit. Entgegengesetzt die Progressionsindustrien von Branchen wie Elektronik, Computer, Gen-, Bio- und Informationstechnologie. Der entscheidende Unterschied zwischen Regressions- und Progressionsindustrien liegt nicht auf der Ebene der Distribution, sondern auf der Ebene der Produktion: bei den einen werden die Ressourcen knapp und ipso facto teurer, die anderen benötigen im großen und ganzen keine; oder sind wie Silikon-Valley auf Sand gebaut. Jedoch sind diese weit stärker abhängig von der Weiterentwicklung der Produktivkräfte - wir erinnern uns: Fähigkeiten und Fertigkeiten -; Know-how, Spezialisierung als Folge wachsenden und wechselnden Wissens sind die Schlagworte hochschul- besser wissenschaftspolitischer Debatten.
Daß der Kapitalismus nicht mehr ist wie früher, ist landläufige Meinung. Das Prinzip Stechuhr, das wir der Taylorschen Arbeitslehre verdanken, langt nur noch für standardisierte Produktionen. Fords Fließband, also genormte Einzelhandlungen im Takt des Zeigers, bzw. fordistische Akkumulation rückt im metropolitanen Kapitalismus ins zweite Glied. Die heutigen Produktionssysteme basieren nicht auf Einordnung - bewerkstelligt über foucaultsches Überwachen und Strafen - sondern auf das Wissen der einzelnen Lohn- und Gehaltssklaven. Eigenständige Einteilung der Zeit und Koordinierung mit weiteren Einzelarbeitern/-angestellten in Situationen - volkstümlich: vor Ort - bedeutet, daß jene altgedienten Kommandosysteme und ihre traditionelle Bürokratie in diesen Bereichen nichts taugen; deren Umstrukturieren firmiert bei Ideologie gleich mit unter "lean production". Alle Bereiche der ökonomischen Basis werden nach und nach ihre eigenen Zeitrythmen zu entwickeln haben. Anstelle der cartesisch geplanten Universität tritt die Dividierung von Lehre, Studium und Forschung der Einzelwissenschaften samt Relegation sozial- und naturwissenschaftlicher Forschung. Die Universität verkommt zur Betreiberin von Geisteswissenschaften. Die Studienreformen der letzten Jahre und zukünftige dienen der Herrschaftsformierung, der Etablierung der "Eigenzeit der Institute", d.h. jedes nach seinen entfremdeten Bedürfnissen, die sich nach Maßgabe ihrer Funktionen, d.h. Auftraggeber, strukturiert. Der Wandel der alten Industriegesellschaft, aufbauend und abhängig von materiellen Ressourcen, zur - wie bürgerliche Wissenschaftler sagen -: "Informationsgesellschaft", in der immaterielle Werte wie in der Tat Information und zeit zu knappen Gütern von Produzent und Konsument werden, zwingt zur Umorganisation es wissenschaftlichen Betriebes. Dabei dienen sich nicht nur Staatsprofessoren aus Angst vor Abwicklung aber auch Aussicht auf Amt und Eh(r)e an, sondern die Lakaien des Kapitals können sich des Mitlaufens des bürgerlichen Lagers der Studenten - also aller - sicher sein, zum Konsens der Dummheit. Und so kritisieren sie weder ihre Studien, die die Gesellschaft braucht, noch bilden sie sich in der Waffe der Kritik. Ihre Waffe ist die Trillerpfeife und ihre Melodie der Refrain einer Gesellschaft der Ware und des Spektakels. C-4-Protest-Kasperles locken zu universitären Love-Paraden und Spaßdemos unter dem Money-Motto.
Die Auflösung der Universität ist andererseits Ergebnis von weit über 2 Billionen Mark Schulden des BRD-Staates. Da muß "gespart" werden, wenn nicht fiktives Kapital in investive Nachfrage gewandelt werden soll, was nichts anderes heißt, als daß eine Inflation nie gekannten Ausmaßes den Kapitalismus barbarischer denn je machen würde. Das "weiß" der Ideelle Gesamtkapitalist und so kann er weder die Nachfrage regulieren noch ankurbeln und schon gar nicht die jetzt 6 und demnächst 10 Millionen Arbeitslosen in Staatslohn bringen. Im Gegenteil, aktuell erleben wir eine Entflechtung von Staat und Gesellschaft und in Wahrheit wird auch nicht gespart, es werden nur weniger Milliönchen für die Reproduktion derjenigen ausgegeben, die momentan und zukünftig nicht mehr gebraucht werden, wie es heißt. Und keine Frage: studentische Cafés und Mensen, säkularisierte Formen der Predigten, genannt Vorlesungen, sind doch nichts weiter als universitäre Bahnhofsmissionen der Appendix Highschool. Und die Betätigungsfelder studentischer Funktionäre, insbesondere im Betroffenheitskult von Stupa und Asta, die wie der Teufel das Weihwasser Studiengebühren anprangern und "vom heißen Herbst bis zum totalen Streik" delieren, bleiben doch nichts weiter als Sandkisten für diejenigen, die sich in den Spielregeln bürgerlicher "Demokratie" üben und ganz nebenbei ihre primäre Karriere bestallen und sekundäre Sozialisation nachholen. Übrigens bedeutet Sparen als Mittel aktueller Standortpolitik, daß das kritisch gewordene Verhältnis von Schulden und Wachstum in Ordnung bzw. in Relation gebracht werden soll. Mit anderen Worten: Die BRD soll ökonomisch in Konkurrenz zu weiteren Nationalökonomien-/-staaten attraktiver werden mit der Folge, daß der ökonomische Imperialismus nicht mehr mit den Waffen der Waffen, sondern mit denen des Geldes ausgetragen wird.
Die letzten Akademiker der Moderne dulden devot einen Zweifrontenangriff direkt von Kapital und indirekt über seinen Staat, dessen Zeit-Geld-Krieg dreierlei folgen zeitigt: 1. Beseitigen. Die Zeitverknappunt, die Studenten mit der Durchsetzung von Regelstudienzeit und durch Finanzkürzungen - Zeit ist Geld, Geld ist Zeit - erfahren, bringt eine weitere Erschwerung der rationellen Planung der kollektiven Organisation des Studiums mit sich. Da die von bürokratischer Seite vorgesehene Reautoritarisierung der Universität nach zeitlicher Maßgabe der Ökonomie erfolgt, wird freie Zeit zur Bildungsproduktion bald nunmehr wenigen einberaumt werden; bei denen allerdings im survival of the fittest eine psychologische Disposition vorauszusetzen ist, die jeden sinnvollen Gebrauch der Bildungsmittel ausschließt. Die Universität wird zu einer legitimatorischen Veranstaltung. Ihr wird die ideologische Funktion zukommen, den Bildungsvorteil eines bürgerlichen Elternhauses als natürliche Superiorität zu sanktionieren, Wer weiß nicht, daß diese in auswendigem Automatismus und inwendiger Viehigkeit besteht. Angenehmer Nebeneffekt der nicht Studienreform sondern Menschendeform: unter dem Deckmantel des Sparzwangs werden systemkritische Positionen und alternative Ansätze gleich mit vom einst öffentlichen Ort der Muße liquidiert; ein Abwasch - und ohne daß den Studenten das ideologische Schmiermittel bewußt wird, das sie auf den Kopf fallen läßt. Das sieht putzig aus,w ie sich im Kreise drehen, jeder für sich und von allen guten Geistern verlassen. Die Verhältnisse zum Tanzen bringt`s nicht, das. 2. Bewahren. Bildung ist allgemeine Produktivkraft und wird es bleiben; und dafür wird der Staat sorgen, mögen die Reden seiner Diener lauten wie sie wollen oder gewollt werden. 3. Auf-eine-höhere-Stufe-stellen. Die Transformation von der trägen, gleichbleibenden, verbürokrateten, produktorientierten Parmenides-Universität zur dynamisch-komplexen, nichtliniearen, reautoritarisierten, prozeßorientierten Heraklit-Hochschule wird weitergehen, koste es, was es wolle.
Was wird also nun geschehen? Die Paradiesfächer, auch Elfenbeininstitute genannt, werden weggekürzt. Da diese Institute meist klein sind und ihre Fürsprecher nur über geringen Einfluß verfügen, wird der Protest nicht groß ausfallen. Kaum bemerkt werden sie im Orkus des Vergessens verschwinden.
Das Studium wird sich verteuern, weil die Kosten auf keinen Fall mehr gesenkt werden können. Als Kriterium für Studierfähigkeit wird das Portemonnaie der Eltern herhalten müssen. Hinter dieser Verteuerung steckt aber nur bedingt der Spargedanke. Stärkerer Beweggrund ist hier die Berufsnationalistenselektionsförderung, mithin die Frage: Wie steht der Student zum Staate allgemein, insbesondere zur BRD.
Wer als Student also gegen "Sparpolitik" vorgehen mag, muß wissen, wofür er da Partei ergreift. Er wird für diejenigen Partei ergreifen, die Systempolitik betreiben.
Die Masse der Studenten wird im Arbeitsleben weder als Offiziere noch als Unteroffiziere des Kapitals gebraucht, noch als Lohnarbeiter oder Gehaltsangestellte und schon gar nicht mehr im Reproduktionsprozeß, wo die "Apparate zur Lagerung und Reparatur von Arbeitsvermögen, genannt Sozialstaat, zerschlagen werden" (Mevissen). Studenten können sich auch nicht mehr "als Lehrlinge geistiger Produktion" bezeichnen; alles Quark den keiner will und keiner braucht. Studenten produzieren nunmal keinen Mehrwert und keine Gebrauchswerte jenseits von Erdnüssen, bestenfalls produzieren sie ihre eigene Tristesse. Hochschullehrlinge werden ebensowenig gebraucht wie Lehrlinge - obwohl aufgrund des - wie man sagt - Mißverhältnisses (angeblich zu viele Studenten im Verhältnis zu Lehrlingen) zukünftig Noten als Sortierungs- und Lenkungsinstrument schlechter ausfallen werden, um die Relation wieder herzustellen. Merkwürdig ist das schon, daß die Herren in Bonn sich darüber beschweren, daß das Volk sich bildet.
Die etwas weniger werdenden werden nicht die Kritische Wissenschaft abschaffen; die schafft sich selber ab, da die Studenten mittlerweile nur noch brauchbares Wissen nachfragen. Kritische Psychologen, Politologen oder Theoretischer oder was auch immer: euer größtes Problem ist das derzeitige Studentenpack, dessen Kriterium eben nicht mehr lautet: ich will was wissen über die Welt, sonder es heißt schlicht: gib mir nötiges, gebräuchliches, brauchbares Wissen. Maßstab sind nicht offene oder falsche Fragen, sondern das Kriterium ist der Anwender, der Käufer von wissen, und der hat Standortsorgen.
Traurig, aber wahr. An einem Zuviel an Bildung, bestenfalls Politischer Ökonomie, liegts nicht, das.
  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 6, Heft 4/96
    Zweitveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: 11.01.2003