S t e f a n    P r i b n o w

 
     
Die Antidoitschen und ihre Phrasen
'Nie, nie, nie wieder Deutschland'
„Nie, nie, nie wieder Deutschland“, brüllt es aus tiefschwarzen Kehlen autonomer Antifas, die ihr „Feuer und Flamme für diesen Staat“ in Form von Fußtritten gegen den Asphalt bundesdeutscher Autostraßen immer dann ergreifend in Szene setzt, wenn es kalt wird in der Heimat. Also ab Oktober.

Der Antifaschist von heute, bewaffnet mit Tüten voller Flugblätter von A wie Arranca bis B wie Bahamas - und das allein reicht schon aus, um sich im Indifferentismus zu suhlen, plakatiert sein „Nazis raus“ an graue Vorstadtmauern und sagt damit, was er denkt. Nicht viel. Doch dort in der Fremde wollen sie die Nazis auch nicht und so bleibt die Losung der Transparente, die im Smog des Abendlandes wehen mit „Keinen Fußbreit den Faschisten“ unüberboten. Doch die Bewegung bleibt dabei nicht stehen, sondern tourt wie Wilhem Meister über das Land der Dichter und Denker, mit denen man ja nichts zu tun hat. Lehrjahre sind Wanderjahre. Dabei müßten die Gollwitzmarschierer nicht einmal stolz sein auf Gedanken, die sie nicht gedacht, Taten, die sie nicht getan haben. Sie, die Antidoitschen, verhalten sich schlicht gegenteilig zu denen, die öffentlich damit prahlen, daß sie es auch ohne Deutsch und Geschichte im Leben zu etwas gebracht haben, und sich riesig über ihr deutsches Kulturerbe im Goethejahr freuen. Das Ganze ist das Falsche.

Dt. Bürgers wie antidt. Antifas, also Leute, die nie einen eigenen Einfall hatten, wollen sich eine Menge einbilden - oder gerade nicht -, auf den Gedankenreichtum von alten Philosophen, auf den Schopenhauers womöglich, der den Nationalstolz für ein blödes Befriedigungsmittel der allerärmsten Tröpfe hielt, denen es an Belegen für individuelle Vorzüge nur mangelt. Nein, weder stolz darauf, ein Deutscher zu sein, noch ein Antideutscher, sondern die Kritik zur Krise zu radikalisieren, darauf kommt es an.

Als nationale Charaktere, so scheint es, genießen die Leute ihre jeweiligen Entbehrungen. Die Nation, wie auch deren falsche Kritik daran, ist ihre himmlische Existenz auf Erden, die bornierte Beseitigung ihrer individuellen Schranken. So suchen sie vereint Trost in der willkürlichen Ergänzung ihres Mangeldaseins. Wen wundert es, wenn noch die dümmste These für die Nation - wie ihre Antithese - in beiden Lagern Zustimmung erntet und alle Kritik dagegen blinde Wut?

Alle wollen sie das eine und sind sich doch verschieden. Während die einen ihr Vaterland verehren und es auch auf ihren Vaterlandsvater sein wollen, so finden Kaiser, Könige und Kanzler ihre Gegenspieler auf Podien, die bestückt werden mit juvenilen Plaudertaschen aus den Redaktionsstuben von jungle World bis Konkret, um Indifferentismus und Konfusion von sich zu geben und, vom begnadeten Publikum mit dem Gütesiegel „echt antideutsch“ prämiert, weitergereicht zu werden, wie ihre dürren Gemeinplätze, der Stoff, aus dem die Dröge ihrer Artikel geschnitzt ist. (Freu sich, wers kennt.) Diese publizistische Praktik zieht deswegen weite Kreise und liegt trotzdem unter dem Niveau einer wahren Kritik. So ziehen wenige - auch wir - es vor, sich mit der Sache selbst, hier die Nation, und ihrer Geschichte zu befassen.

Klar, unser Geschäft ist es, den vorlauten Mund und also die Bibliotheken zu halten um zu wissen, daß der Faschismus von heute keineswegs die Einnahme des Innenministeriums durch rechtsextremistische Grüppchen a la DVU, NPD oder Republikaner bedeutet, wie Kiezwadenbeißer der autonomen Szene und Antifas aller Parvenu an die Wand malen, sondern die Einnahme des Landes durch das Innenministerium! Egal ob im CDU- oder Schröder-Staat. Egal? Nicht ganz.

Faschismen sind keinesfalls zu definieren über pure Gewalt, reinen Terror. Faschismus beinhaltet auch nicht die Beseitigung der Arbeiterwohlfahrt, sondern ihrer Kampforganisation. In diesem Sinne war der Adenauer-Staat nicht faschistisch, da einer gewisser A. Hitler, der von Deutschlands Herren nur engagiert wurde, dies bereits restlos erledigte, die Reproduktion durch Freude. K. Adenauers Bruch mit dem Hitler-Faschismus stellt nur den Bruch einer Kontinuität dar, den die Notstandsgesetze als nur ein Aspekt markieren. Ein Unterschied, der Gewerkschaften gewähren läßt, sogar ihre Duldung auf die Spitze treibt. Die Bundesrepublik zeigt ihre häßliche Fratze nicht im ungeschminkten Hissen von Reichskriegsflaggen durch Deutschbanker, sondern ihr gemeines Interesse offenbart sich, indem Schröder seine lohnabhängigen Landeskinder integriert, wie im "Bündnis für Arbeit" als nationale Aufgabe gepriesen. Und alle sind bereit für diese neue Politik des Fit for Fun. Da mag man hier und dort von Faschisten sprechen, der Zahl stetig steigt und ... vom faschistischen Staat, als spezifische Organisationsform einer korporatistisch-kapitalistischen Welt der Ware, aber nicht von der faschistischen Gesellschaft mit ihrem Spektakel. Die ist und bleibt per se bürgerlich und kapitalistisch zugleich. Punkt.

Die neue Sozialdemokratie des Korporatismus muß Streiks - wie vor 1933 - auch nicht mehr unter Strafe stellen, sondern hat es als Ex-Arbeiterpartei dazu gebracht, daß ihre Klientel von einst, die sie immer noch bei der Stange zu halten pflegte, Klassenkampf als Mittel zur Wahrung ihrer Wünsche schlichtweg ablehnt. Aus moralischen Gründen wohlgemerkt. Was geschieht, wenn die weg sind? Nachdem sich der Malocher nun kleidet wie sein Herr, geht ihm keine Tugend mehr ab, worauf europäische Sozialdemokraten nach und nach den Wechsel verkünden, der sich mit der Reeducationlinken und also nach 68 vollzogen hat, den von der Arbeiter- zur Volkspartei. So will es die Legende. Und diese sitzt im Reichstag, der Quasselbude der Kleinbürger, die ihren gewählten Repräsentanten von der Kuppel der Korupption auf die Köpfe glotz, anstatt diese vom Haupt zu trennen, wie es noch zu Zeiten der Giotine durchaus üblich war, um der allgemeine Konfusion eine Stimme zu geben, während im wesentlichen von einem System des parlamentarischen Faschismus zu sprechen wäre. Elitäre Kliquen tagen derweil nicht-öffentlich in Herrenzimmern metropolitaner Hotels und bestimmen (!), nicht das Volk, das seine abgegeben hat. Ohne das Volk ist Revolution für das Volk nur ein Gefängniswechsel. Mehr nicht. Aber die antidoitsche Linke will weder diesen Herrschaftstausch, noch traut sie dem Volk. Klar, daß wenn man dem Volk nicht trauen kann, dann auch absolut kein Grund besteht, es befreien zu wollen". Kalaschniki jedoch meinen: faith in the people!

Doch zurück zum Gegenstand: Heute ist die Nation ein beunruhigendes Beispiel für das denkwürdige Zusammengehen der geringsten Kenntnis mit der größten Übereinstimmung in den allergemeinsten Angelegenheit. Ob König, Kaiser oder Kanzler, seine parteigenössichen Gesinnungsfreunde und seine Vertriebsbeauftragen in Hörsälen, Redaktions- und Amtsstuben - sie alle wollen und können ohne die Nation nicht mehr auskommen. Es scheint so zu sein, als wäre das Interesse an ihr um so größer, je geringer das Einkommen. Je armseliger der Genuß aus vollen Zügen, desto lauter tönt der übersinnliche der Gefühle.

Der Schröder-Faschismus der deutschen Nation unterscheidet sich zu dem eines Hitler durch die aufgehobene spezifische Form der Regelung sozio-kultureller Verhältnisse, indem sich der aktuelle Korporativismus entfalten kann, ohne auf ernstzunehmene Gegnerschaft von Links zu stoßen. Wo wird denn noch wirklich von Staats wegen das tristessne Tun subalterner Gewerkschaftfutzis oder das ungestüme Hampeln studentische Kader kontrolliert, wie noch bis weit in die 80er Jahre hinein. Und sind die überhaupt links?! Wo keiner den Arsch hochkriegt, da muß auch keine Disziplinarstrafe auf dem Fuß folgen. Sollte es jedoch wider allen Erwartungen einmal zum offen Aufstand, zur hemmungslosen Rebellion, zu Liebe und Poesie kommen, verfügt Vater Staat selbstredend noch über seine Kontroll- und Disziplinarorgane, ohne die er keiner wäre. Umgekehrt ergibt sich daraus nicht der Schluß, die Schröder-Politik als nicht faschistisch zu bezeichnen. Nur weil die Organisationen des arbeitenden Volkes die Freiheit genießen, bis in allerhöchste Ämter zu klettern? Wer soll den sonst in den Amtsstuben schimmeln um zu schalten und verwalten. Die Bourgeoisie etwa, die um den Globus jettet? Nein, die bilden nicht die Meßlatte des Begriffs. Die Frage, was der Staat denn bittesehr mit Abtrünnigen, Störern, Querulanten und Subversiven anstellt, diese aber stellt sich.

Wenn sich also die Lohnarbeit ans Kapital anpaßt, wird die soziale Symmetrie im Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis nicht in Frage gestellt. Aber der Staat an sich ist im faschistischen Verständnis des Wortes genötigt, Gewalt und Terror manifest zu produzieren, wenn die Systemfrage klassenkämpferisch auf die Tagesordnung der Geschichte gesetzt wird. Nur käme es dann auch darauf an, das Subjekt des Fortschritts, in Kenntnis darüber zu setzen. Keine leichte Aufgabe. Also haben die Redaktionen von jungle World bis Konkret sich auf die Bahamas begeben um, nicht mehr das Projekt der Aufklärung, die Moderne, zu propagieren, sondern schlicht "Deutschland muß sterben, damit wir leben können." Sollte es den Elsässers und Gremlize dort so scheiße gehen? Wir, die Avantgarde, im Kopf voraus, arbeiten daran, das auch für sie nicht nur die diskursfaschistische Schreibtischlampensonne scheint.

Das Deutschland des aktuellen Kapitalismus nun aber als faschistisch zu titulieren, wie es sich auf Demos so leicht pauschalisiert rufen läßt, wäre Quatsch. Vielmehr käme es darauf an, Transformationen aufzuzeigen, zu analysieren, was sich in ihr als tendentiell faschistisch, was sich als bereits faschistisch erweist. Totalitärer Terror und nackte Gewalt - ich wiederhole - sind nicht per se faschistisch. Wer Faschismus nur als Gaskammer, KZ, Auschwitz denkt, läßt die Bundesrepublik mit blütenreiner Weste dastehen. Auch wer Zustände weissagt wie: „noch nicht, aber bald haben wir Auschwitz“, liegt absolut verquer. Genauso daneben übrigens wie der Erste Soldat seines Landes, Scharping, der Auschwitz nach Milosevic-Yugoslawien verortet, während Walser auf Ansage im Hinterland alle Spuren verwischt auf das bürgerlich-menschelnde Demokratisten 50 Jahre Parlamentarismus abfeiern.

An vorderster Front übrigens weiland J. Habermas, der noch vor der geistig-moralischen Wende Ende der 70er Jahre im Zuge seiner „Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ den Staatsbürgern, die es wissen wollten, mitteilen lies, daß die Nation „eine (noch nicht hinreichend analysierte) Bewußtseinsstruktur“ sei. Und solange niemand genau wußte, was eine unzureichend analysierte Bewußtseinsstruktur denn nun genau ist, blieb die Nation dem Publikum ein Mysterium, wenn auch kein prosaisch reelles. Kurz vor der politischen Wende ließ er dann dem Wahlvolk mitteilen, daß die Nation nun nicht mehr als soziale Zwangsvorstellung mißzuverstehen sei, sondern entdeckte, ganz „geistige Situation der Zeit“, sein Herz für die deutsche Heimat, deren Vater dann auch prompt H. Kohl wurde.

Wenn nun ein „demokratischer Parlamentarismus“, fragt J. Habermas, sich zu einem faschistischen Parlamentarismus transformiert, was muß geschehen sein? Das Parlament muß entmachtet worden sein, lautet seine schlichte und weise Antwort. Wo er recht hat, hat er recht. Ich füge hinzu: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und auch nicht im Handstreich, wie es ab und an noch mal in den zu rekolonialisierten Gebieten des Trikont zu betrachten ist, sondern irgendwie hinterfotzig, so daß die Entscheidungsgremien dann „nicht öffentlich tagende Eliten“ seien. Nach Pohrt sind es eher „nicht-öffentlich tagende Cliquen“ und Seilschaften mit ihrer Geheimdiplomatie, die heute von jenen praktiziert werden, die sie einst als Alternativpolitniks angifteten. Nebenbeibemerkt beschneiden die Artikel 112 und 123 des GG sowieso die Rechte der Parlamentarier - auch ohne Notstandsgesetze und Selbstkontrolle der Parlamentarier.

... überarbeitete Fortsetzung folgt ...
  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 13, Heft 2/99
    Zweitveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 04.10.1999
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003