S t e f a n    P r i b n o w

 
     
Ganz Quebec ist besetzt?
Nicht ganz!
Es herrscht Ausnahmezustand vor diesem dritten Gipfel der 34 Staatsführer. An die 10 000 geladene Gäste erwartet das französischsprachige Quebec. Dieses Treffen ist der Tat der Gipfel des nord-, mittel- und südamerikanischen Establishments, der größte, den Kanada je hat austragen dürfen. Die Teilnehmer dritteln sich in Delegierte, Journalisten und Polizisten.

Und es sieht alles danach aus, als werde er auch der gröbste: Polizisten aus dem ganzen Land, königliche Gendarmerie und sämtliche Sicherheitskräfte vor Ort haben Maßnahmen ergriffen, die Quebec als "besetzt" erscheinen lassen. Um das Tagungsgelände herum wurde, ganz wie bei den alten Römern, eine Palisade von drei Meter Höhe errichtet. Diese Mauer ist kein neuer Gag nach Disney-Art, um den Kanadiern das Berliner Stadtleben "in echt" näherzubringen, sondern sperrt die Anwohner der Altstadt in ihrem Kiez ein und hält ungebetene Gäste fern vom Glanz und Gloria des Gipfels. Wer einen entsprechenden Ausweis hat, darf rein oder raus; ganz wie er möchte.
Wer in Quebec Handel treibt, darf sich die Hände reiben. Er wird für die durch den Gipfel entstanden Verluste entschädigt. Schulen bleiben geschlossen. Auch dies wird so manche Herzen höher schlagen lassen. Die Hotels der Oberstadt sind in Besitz genommen. Das bringt auch ein paar Silberlinge in den kargen Beutel.
Ansonsten verspricht das ganze Spektakel den Kanadiern vor allem eines: Kosten. An die 100 000 Millionen US-Dollar muß der Steuerzahler berappen.

Die für Sicherheit verantwortlichen reden sich, angesprochen auf ihre bürgerkriegsähnlichen Maßnahmen, mit gesammelten Erfahrungen raus, die in Seattle, Prag, Nizza und zuletzt in Davos gemacht wurden. Kanada kennt eigens einen Ministerposten für diese Angelegenheit. Dieser, der Minister für Staatsschutz im Bundesstaat Quebec, Serge Ménard, hat sogar den Knast von Orsainville räumen lassen, um 600 Zellen für Demonstranten zur Verfügung zu haben. Wenn das man reicht?!

Die Globalisierungsgegner, wie sie aller Orten genannt werden - und sie wollen auch so genannt werden - würden liebend gerne vor der "Globalisierungsfalle" warnen und nicht in die der Polizei tapsen (Stichwort: Kriminalisierung). Zu diesem Zwecke hat sich mittlerweile ein breites Bündnis (vom Eskimo bis zum Gewerkschaftler) konstituiert, in der sich FTAA-Gegner aus Quebec und Umzu, Montreal, Toronto sowie aus ganz Kanada zusammengefunden haben. Sie planen medienwirksame Inszenierungen ihrer Proteste, die "friedlich" bleiben sollen, auf das Tausende von Journalisten diese, ihre Botschaft in die Wohnstuben der Welt tragen mögen. Und ihre Botschaft heißt: kommt der Reichtum nicht zu uns, gehen wir Armen zu den Reichen.

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 14.04.2001
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003