
Gut ein halbes Dutzend Ausstellungen wurden bereits in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Franz-Mehring-Platz 1 in 10243 Berlin (Nähe Ostbahnhof) gezeigt. Und das ist viel wenn man bedenkt, daß die taufrische PDS-nahe Stiftung erst seit knapp 2 Jahren im "alten ND-Gebäude" residiert.
Michael Brie, Chef der Stiftung, eröffnete am gestrigen Donnerstag, den 7. Juni 2001, pünktlich um 18 Uhr mit einer kleinen anerkennenden Rede die Ausstellung und lud im Beisein des Künstlers Wladyslaw Pietruk zum Schauen bei einem Glas Wein und Knabberkram. Er würdigte den Künstler, seine Werke und - wie der Sprecher der Deutsch-Polnischen Gesellschaft e.V. - unterstrich Brie im Beisein einer Vertreterin der poln. botschaft in Berlin die Bedeutung Polens für die Bundesrepublik: "Wir wollen mitwirken, das Bild unseres Nachbarlandes Polens in der deutschen Öffentlichkeit im Guten zu gestalten." Recht hat er, denn alle sollen es besser wissen, als der Mythos: "Östlich von Warschau hört Europa auf, da fängt Sibirien an, da laufen die Eisbären über die Straße!" es suggeriert.
Zum Künstler: Wladyslaw Pietruk wurde 1952 in der Nähe von Drohiczy (Ostpolen) geboren. Von 11968 bis 1973 besuchte er das Lyzeum für bildende Kusnt in Suprasal. Es folgte ein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig bei Prof. Irmgard Horlbeck-Kappler als Stipendiat des Ministeriums für Kunst und Kultur (1973 bis 1979). "Er ist Autor vieler Illustrationen, Plakate, bücher, satirischer Zeichnungen und Exlibris", heißt es in einem Werbeflugblatt zu dieser Graphikausstellung.
Pietruk ist ein passionierter Zeichner der Landschaft von Podlasie, also Ostpolens. Podlasie heißt wörtlich: "unter den Wäldern", was in der Bedeutung "vor dem Walde" (und nicht dahinter!) entspricht. Insbesondere zeichnet er die Natur und Architektur der heutige Wojewodschaft. Diese Passion schuf eine spezifische künstlerische Dokumentation des Vergänglichen und dient so auch der Bewahrung des Zeitgeistes, so weiß es eine Hinweistafel zur Ausstellung zu verkünden.

Zu Podlasie: Der östliche Teil ist zugleich der westliche Teil einer weit größeren historischen Landschaft, die auch heute noch unter dem Begriff "Kresy", was ungefähr soviel heißt wie "Grenzgebiet", bekannt ist. Diese "Kresy" mit ihrem exotischen Völkergemisch, mit ihren großartigen urtümlichen Landschaften und einmaliger Historie sind Gegenstand so bedeutender Werke der polnischen Literatur wie z.B.: Pan Tadeusz; Nad Niemnen oder Trilogie. Hier war die Heimat von A. Mickiewicz, J. Slowacki, E. Orzeszkowa, Cz. Milosz und anderer polnischer Dichter und Schriftsteller.
Der breite Gebietsstreifen wo die beiden Teile der alten Rzeczpospolita, also Litauen und Polen, zusammenstießen, war aber auch ethnisches Grenzgebiet. Die in den vergangenen Jahrhunderten von Westen drängenden masowischen Siedler trafen hier auf Litauer und Russen. Heute noch trifft man hier noch relativ geschlossene Gebiete, die von Weißrussen, Litauern oder Ukrainern bewohnt sind. Dieses ethnische Mosaik wird vervollständigt durch orhtodoxe Russen und Tartaren.
Vor dem II. Weltkrieg war der nationalitätenreichtum hier noch größer. In den größeren wie kleineren Städten der Region lebte vor der Vertreibung und Ermordung ein hoher Prozentsatz Juden. In manchen Gebieten, so in Bialystok und Suwalki, gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine recht zahlreiche deutsche Minderheit. Seit Jahrhunderten mischten sich also hier die Kulturen, sich dabei gegenseitig durchringend und bereichernd. Das alles zeigen Piertruks Graphiken.
Zur Ausstellung: Die ausgestellten Werke sind Zeichnungen, bei dem der Lehrmeister unseres Künstlers, keine geringerer als Dürer, unverkennbar zwischen den Bleistiftstrichen hindurchluckt. So ist "Fleißigkeit", wie Pietruk meinte, "und Geduld" den Zeichnungen, die alte Bauten, heimatliche Dörfer, Siedlungen, Land und Leute dokumentieren, anzumerken. Seine Heimat, die Kulturlandschaft von Podlasie, bringt der Seismograph Pietruk all denen mit jedem einzelnen Zeichenstrich dar, die sich für dieses Ostpolen interessieren. Aus welchen Gründen auch immer. Ein wenig romantisch mag es erscheinen, denn der Betrachter ahnt, daß bald Autobahnen die Wälder teilen und Supermärkte die Felder pflastern. Dann gibt es nur noch die Zeichnungen von Pietruk, mittels derer wir uns exakt erinnern können, wie es einmal war. Denn Pietruk bewahrt den Zeitgeist und zeigt zugleich das Vergängliche. Die Botschaft könnte lauten: schlechter war es nicht! Überzeugen Sie sich selbst, denn diese Ausstellung hat mehr Betrachter verdient als die, die tagtäglich über den großen langen Flur der Rosa-Luxemburg-Stiftung huschen.
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin
Fotos: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin/Tilo Gräser
Erstverwertung: Philosophischer Salon
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 08.06.2001
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003