Auftakt
Am Freitag, den 1. Juni 2001, veröffentlichten wir in der Internetzeitung "Kalaschnikow-Online" einen Artikel von Klaus Wagener, der am gleichen Tage in der Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) namens "Unsere Zeit" (UZ) erstveröffentlicht wurde. Wir erhielten die freundliche Genehmigung zur Zweitverwertung. Unter dem Titel "Wende-Zeiten" fragt Wagener, ob es ein Verbrechen sei, ein Verbrechen ein Verbrechen zu nennen. Wagener hebt eingangs diejenigen hervor, die heute wie damals bei ihrem Versuch, die Welt zu begreifen, unter anderem auch Kriterien der Leninschen Imperialismusanalyse verwenden und dabei auch um Israel keinen Bogen machen. Er wendet sich andererseits insbesondere gegen die "Konkret"-Autoren Jürgen Elsässer, Horst Pankow und Karl Selent. Letztere schrieben jene umstandslos in ein Bündnis mit Neonazis und islamischen Fundamentalisten, so sein Vorwurf. Aber lesen Sie selbst - wie auch die neue Konkret (Konkret, Heft 7, Juli 2001, S. 66) -; dort beteiligt sich jetzt auch Hermann Gremliza in seinem Express am Fahnehissen.
Die Ursache, warum die Palästinenser ausgebeutet und arbeitslos sind, liegt nicht darin begründet, daß sie keinen eigenen Staat haben, sondern einen Status als sichtbar abgesonderte Unterklasse in Israel und in den von Israel besetzen Gebieten. Der Zionismus hat den Palästinensern nicht nur die Bürgerrechte gestohlen, sondern recht eigentlich die palästinensische Arbeiterklasse geschaffen, indem er innerhalb von vierzig Jahren eine Bevölkerung von Kleinbauern zu einem Haufen unterbeschäftigter Lohnarbeiter machte.
Und alle "Pro-Zionisten", Gremliza unterstellt allerdings in Konkret (ebd.), dieser Begriff bedeute im Deutschen soviel wie "Judenlümmel", regen sich nun über palästinensische Paupers auf, deren Konstitution sie einst rege verfolgten; schrieben doch Experten vom Schlage eines Hans Lebrecht und Uri Avnery in Konkret Wissenswertes über die Sache selbst und ihre Geschichte. Ja, Konkret hat bessere Zeiten gesehen.
Laßt die West-Bank blühen!
Wir erfahren in achivierten Ausgaben der Hamburger 'Zeitschrift für Politik und Kultur', dass die Gründung des Staates Israel die eines modernen kapitalistischen Staates war. Es begann in den dreißiger Jahren, als zionistische Siedler systematisch Land von reichen Palästinensern oder Türken aufkauften (sic !). Die Verkäufer haben ihre "Heimat" nicht verschenkt, sondern verkauft - Punkt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Praktisch das gesamte Jesreel-Tal gehörte 1897 zwei reichen Leuten aus der Türkei und Syrien. Das Foto oben zeigt dieses Jesreel-Tal.
Wenn man genauer sein will, kann man sagen, daß Israelis erstens Land von früheren Eigentümern gekauft haben, zweitens verlassenes Land, das damit besitzerlos wurde, in Besitz genommen haben und drittens hat Israel das sogenannte 'Staatsland', welches die britischen Mandatsbehörden vom Ottomanischen Reich gekauft hatten, nach der Staatsgründung 1948 übernommen.
Die Landkäufe übrigens erfolgten durch Organisationen, welche eigens hierzu von der zionistischen Bewegung gegründet wurden. Die wichtigsten sind der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemet, gegr. 1901), die Palestine Land Development Company (1908), der Keren Hajessod (1920) und die Palestine Jewish Colonization Association (PICA, 1924). Auch andere Organisationen, wie die Alliance Israelite Universelle, sowie Mäzene wie Sir Moses Montefiore und Baron Edmond de Rothschild kauften Land für die jüdische Ansiedlung.
Und dieses Land war sumpfig, steinig und sandig. Noch blühten nur die Blumen.
Die politische Transformation von Palästina in den neuen Staat Israel wurde also 1948 von den Vereinten Nationen sanktioniert. Das wirtschaftliche Wachstum des Staates bedingte die Expropriation der palästinensischen Landbesitzer und Bauern, ein Prozeß, der in den besetzten Gebieten noch heute anhält. Das und nichts anderes bedeutet der Spruch: Laßt die Wüste blühen! Die Palästinenser hatten die Wahl: Entweder sie blieben und arbeiteten für einen neuen Grundbesitzer oder sie gingen ins Exil. Diese Art 'Fortschritt' wurde von der einigenden Kraft des Zionismus getragen, der den Pakt aller Klassen in der israelischen Gesellschaft besiegelte. Unterstützt durch militärisches und wirtschaftliches Engagement der USA, bedeutete der israelische Nationalismus beinahe den Völkermord an der palästinensisch-arabischen Bauernschaft und den Beduinenstämmen.
Alternativ wäre der Zionismus zwar eine populäre, aber 'verlorene' Sache geblieben - trotz des Leidens der europäischen Juden in den dreißiger und vierziger Jahren -, wenn die alliierten Mächte nicht einen Platz dafür in ihrer Rekonstruktion einer kapitalistischen Nachkriegs-Weltordnung gefunden hätten. Deren Plan verwandelte den sentimentalen Traum eines jüdischen Heimatlandes in die verderbte Wirklichkeit eines triumphierenden Zionismus.
Israel hat die Vergangenheit ausradiert
Trotz aller nationalistischen Rhetorik - nicht nur aus dem Hause Arafat - kann die Heimat, die Heimat, die die Palästinenser 'verloren' haben, niemals wieder rekonstruiert werden - genauso wenig wie das moderne Israel als Rekonstruktion des biblischen Judäa gelten kann. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass moderne Palästinenser, die jetzt in saudiarabischen, jordanischen oder kuwaitischen Städten leben, zurückkehren wollen auf kleine Bauernhöfe in ihrer sogenannten Heimat. Israel hat die Vergangenheit ausradiert und stattdessen Verwaltungsbezirke, landwirtschaftliche Siedlungen und militärische Sperrzonen errichtet. Arabische Dörfer gibt es immer noch, aber die sind - auch auf der West-Bank - Schlafsiedlungen geworden, von denen aus die neuen industriellen Zentren versorgt werden.
Das ist also neu - so neu auch wieder nicht - und alles andere ist beim alten geblieben. Wagener trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: "Um im Nahen Osten wirklich die Pferde zu wechseln fehlt den USA jegliche Motivation und den Europäern jegliches Mittel."
Was Ideologien wie Zionismus oder auch den irischen Loyalismus anstößiger macht als etwa den palästinensischen Nationalismus und den irischen Republikanismus, ist die Tatsache, dass erstere zu einer nationalen herrschenden Klasse gehören. Leider verloren in der PLO nach 1989 die sozialistischen Kräfte an Einfluss. "In den 80er Jahren war die Hoffnung zerstoben, Schlachten gegen die vom Imperialismus gestützten Regimes militärisch gewinnen zu können. Die nationalen Befreiungsbewegungen mussten versuchen die mit zahllosen Opfern erkämpften Positionen einigermaßen abzusichern. In El Salvador, Guatemala und ebenso in Palästina ging man in demütigende Verhandlungen. Abgabe der Waffen. In Oslo gab es Sieger und Besiegte, denen mit Preisen und schönen Worten ihre Niederlage versüßt wurde. Als dann der Glamour die dreckige Wirklichkeit der Lager nicht mehr verdecken konnte, blieben den Verzweifelten nur noch die Steine."
Aber der Urgrund aller nationalistischen Ideologien ist derselbe, ebenso wie ihre Funktion: die Arbeiterklasse zur Verteidigung von Interessen der herrschenden Klasse und ihrer politischen Vertreter zu mobilisieren - ob diese nun die politischen Machtpositionen innehaben oder nicht.
Für uns sollte die Bedeutung des Nationalismus klar sein, in welcher Verkleidung auch immer. Das heißt Tod fürs Vaterland, Erstickung des Klassenkampfes und Aussetzung der Revolution, die die einzige Hoffnung der Arbeiterklasse ist, um dem Elend des Kapitalismus, der unser gesamtes Leben kolonisiert, ein Ende zu setzen. Die Arbeiterklasse muß nicht nur verkommene Ghettos und armselige Wüstenflecken wieder in Besitz nehmen, sondern die ganze Welt. Die Arbeiterklasse hat kein Land, keine Heimat, um dorthin zurückzukehren, solange jedes Gebiet und jeder Lebensraum in Interessensphären des Kapitals aufgeteilt ist.
Trotzdem gibt es sozialistische Versuche, wie das Beispiel Cuba zeigt, denen unsere kritische Solidarität gilt. Schön wäre es, wenn Palästina ein weiterer Versuch würde; dafür braucht Palästina Land und Frieden. Die Herrschenden in Israel und in den arabischen Nachbarstaaten wollen zwar Frieden, aber kein - wie auch immer reales - 'sozialistisches' Palästina. Und Israel, auch das sei angemerkt, ist kein imperialistischer Staat.
Möglicherweise wird auch der Hinweis auf die fatale gegenwärtige Rolle der Konkret für die kritische Solidarität mit sozialistischen/kommunisten Kräften in Palästina und Israel nicht genügen, um die unnütze öffentliche Auseinandersetzung zu beenden, aber versuchen wir es!
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Autoren: Tina Lea und © Stefan Pribnow, Berlin
Foto: AK Foto
Erstverwertung: Philosophischer Salon
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 04.07.2001
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003