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Krieg und Moderne: moderner Krieg
Die Neue Weltordnung jetzt auch am Hindukusch
Karikatur: Heinz Breuer/AK Foto



Sie, die Krieger mit dem Krummschwert, kommen aus den oberen und mittleren Schichten ihres Volkes, sind Sprößlinge betuchter Eliten, die es sich leisten können, ihre Kinder in eben jene Welt ziehen zu lassen, die diese zu bekämpfen vorgeben. Zum Studieren der Moderne in den Westen, lautet die Parole in den rekolonialisierten Ländern, damit man es den Herren der Welt gleichtue, nachdem man sich von ihnen abgenabelt hat. Doch beides will nicht recht gelingen.

Dort im Westen werden die Fremden mit Dingen und Individuen vertraut, denen sie nicht recht über den Weg trauen. Dann kommen sie zurück nach Hause, ausgestattet mit dem Rüstzeug der technischen und kulturellen Intelligenz, um beim Ausbeuten von Land und Leuten in ihren industrie-feudalen Staatenn mitzutun. Wenn der Ausbeuter kein Weißer mehr ist, sondern aus den eigenen Reihen kommt, fällt es augenscheinlich schwieriger, die Schuldigen an der eigenen Misere anzuklagen. Denn Wehgeschrei ertönt bei den Verdammten dieser Erde.

Eingelullt in einer Welt der Ware und des Spektakels bringen die Rückkehrer diese Segnungen der Zivilisation neben ihren neu erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten gleich haufenweise mit und ihren kulturellen Überbau zum Überlaufen. Doch die Paupers aus der Pampa können mit dem Perlen aus den Palästen nicht wirklich etwas anfangen. Sie wollen back to the roots und suchen ihr Heil in alten Schriften, die viele von ihnen überhaupt nicht lesen können. Von den Türmen der Litanei ins Hirn gehämmert transformieren sie die Gedanken der Vergangenheit wie eine Schablone auf die Gegenwart und nichts paßt mehr überein bei den bärtigen Männern mit Kopftuch und Kalaschnikow.

Betrachtet man Afghanistan und seine Geschichte, waren Land und Leute schon mal weiter, als unter El Kaida und Taliban. Zu einer Zeit nämlich, als Moskau noch den "real existierenden Sozialismus" über den Hindukusch exportierte. Doch das Projekt paßte nur ins Sturmgepäck des Sowjet-Städters und stieß in den Dörfer aus Ali-Babas-Zeiten, durch die schon die dezimierten Briten abzogen, auf Menschen, die nicht nicht so wollten, wie sie sollten. Bevor nun das Modell aus Moskau ganz in Scherben zerbrach, rollten die Panzer der Proleten-Armee - wie immer, wenn die ML-Funktionäre nicht mehr weiter kamen. Das Gastspiel währte nicht lange. Das lag weniger an den Mudschahedin als vielmehr an der Heimatfront, die zu bröckelen begann.

Jetzt kreisen über dem Land die anglo-amerikanischen Bomber. Und genauso, wie der Klapperstorch nicht die Babys bringt, bringt die NATO nicht den Frieden. Dabei hat das USA-Imperium lange auf einen Anlaß gewartet. Als der nicht so recht kommen wollte, da haben sie nachgeholfen. Nun marschieren sie wieder. Die einzig verbliebene Weltmacht setzt sogar Waffen ein, die international geächtet sind. Doch schon in den alten Kriegen wurden die meisten Städte und Dörfer in Afghanistan zerstört. Nun fehlen den Himmelskämpfern offenbar Objekte, die sie ins Visir nehmen können. Die militärischen Ziele im kaputten Planquadrat sind ausgegangen. Gut, daß sich die Bomberpiloten ihre Opfer jetzt weitgehend selbst aussuchen dürfen. Diese geheime Weisung kam direkt aus dem Pentagon, dem Kriegssministerium der USA. Kein Wunder, wenn ganze Dörfer, Schulen und Krankenhäuser versehentlich getroffen werden. Der medial-saubere Hightech-Krieg im nachtschwarzen CNN-Grün ist selbst zum Terror geworden - zum barbarischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung in Afghanistan. Von diesem totalen, durchaus modernen Krieg geben die Leichen beredtes Zeugnis, die in dem kleine Dorf Khorum in Afghanistan liegen. Weder eine Taliban-Stellungen noch ein Terror-Lager gab es dort. "Hier gibt es nur 200 Tote", erzählen die mit dem Schrecken davon gekommenen Bewohner. Das Dorf wurde irrtümlich bombardiert, mit einer so genannten Präzisionsbombe. War es ein Fehler? "Wir bedauern den Tod von Zivilisten", lautete Kriegsminister Donald Rumsfelds schlichte Antwort. Mittlerweile werden die dicksten konventionellen Bomben eingesetzt, die in den Waffenkammern lagern. Augenzeugen und Journalisten berichten von der Zerstörung durch "Daisy Cutter", die mit einem Gewicht von 6 750 Kilogramm trifft. Diese Bomben sollen eine Wirkung haben, die im Umkreis von 600 Metern alles Leben auslöschen.

Die Bomben und Raketen der NATO treiben die Überlebenden in die Flucht. Diese Männer und Frauen sind keine Terroristen, sie sind Flüchtlinge. Millionen Afghanen auf der Flucht, wenn sie noch fliehen können. Sie haben kein Dach über dem Kopf, kein Bett unter dem Rücken, nichts zu essen und zu trinken. Sie haben ihre Familie dabei, die Alten und die Kinder. Das sind die wahren Opfer des Krieges, geschwächt durch Hunger, Durst und Krankheiten sind schon Tausende ums Leben gekommen. Täglich sterben mehr, seit den Kriegsdrohungen und dem Beginn der Luftangriffe Land und Leute von internationalen Hilfslieferungen - und bedroht von immer grausameren Waffen der Amerikaner - abgeschnitten sind. Und der Winter naht. Doch keiner will sie haben, nicht im angrenzenden Iran und auch nicht im Nachbarstaat Pakistan.

Die USA schmeißen vom Himmel runter, was das Zeug hält, denn auch der GI will keinen Krieg in der Kälte. Bewaffnet sind die Flieger, glaubt man den Angaben der Freien Presse der Freien Welt, mit Bomben vom Typ CBU-89 "Gator". Jede dieser Bomben trägt 94 hochexplosive Panzer- und Anti-Personen-Minen. Damit werden ganze Gegenden großflächig vermint. Dort wächst nur noch Gras und jedes menschliche Bein wird vom Körper gerissen. Deswegen ist der Gebrauch dieser Bomben seit 1997 international geächtet. 142 Staaten haben sich an der Ratifizierung des Vertrages über die Nichtanwendung dieser mörderischen Waffe beteiligt. Die USA haben das Minen-Verbot nicht unterschrieben. Das Perfide an dem Vorgehen der USA: Diese Minen sehen der Lebensmittelpackungen, welche die US-Amerikaner auf Afghanistan abwerfen, verdammt ähnliche in Form und Farbe. Gegen diesen Terror gegen das afghanische Volk wendet sich die internationale Friedensbewegung. Die B-52-Bomber haben in ihren Leiber aber auch Splitterbomben. Auch diese Splitterbomben sind international geächtet. Und auch diese stellen eine tödliche Gefahr vor allem für die Zivilisten dar. Insbesondere, weil sie eine sehr hohe Fehlerquote aufweisen. Viele explodieren beim Auftreffen auf dem Boden nicht und werden so zu Anti-Personen-Minen, die hochempfindlich sind. Wenn sich ihnen jemand nähert, sie berührt, dann explodieren sie. Das wissen nicht nur wir, das wissen auch die Verantwortlichen in den USA, der NATO und der BRD.

Doch wieso konnten und können die USA die halbe Welt über diese Art Krieg im ungewissen lassen, sondern ganz im Gegenteil zu viele für sich gewinnen? Zum Gedeih der pax americana finanziert die Regierung der USA seit 1950 mit riesigen Summen ein geheimes Programm zur kulturellen Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Damals entwarf der Nationale Sicherheitsrat der USA Richtlinien zur psychologischen Kriegsführung. Dabei gilt der Grundsatz, daß die beeinflußten Subjekt zwar nach Belieben gelenkt werden können sollen, diese Objekte fremder Begierden dabei jedoch den Eindruck erhalten, sie handelten aus eigenen Beweggründen, quasi selbständig. In den Zeiten des Kalten Krieges richtete sich die psychologische Kriegsführung gegen den Kommunismus schlechthin. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs geraten Schurken und ihre Herbergseltern in das Fadenkreuz der Propaganda. Von Schurkenstaaten ist die Rede, gegen die man sich mit einem Raketenschirm im Weltraum schützen müsse wie vor schlechtem Wetter. Das reagansche Star-Wars-Programm des Schauspielers im Weißen Haus, den man auch so nennen durfte, wird durch die Mächtigen von Wall Street und heimischer Rüstungsindustrie erneut offensiv propagiert.

Rückte das Imperium im provozierten Krieg gegen den Irak an die Ölquellen am Persischen Golf, so stoßen sie im Krieg gegen Afghanistan zum Kaspischen Meer vor. In jedes Machtvakuum, daß Moskau hinterläßt, rückt Washington nach. Jeder herrenlose Förderturm, der die Rohstoffe aus der Erde holt, wird neu und Instandbesetzt. Dabei verfahren die Nordamerikaner mit den Asiaten, wie einst mit den Indianern, als der Westen noch wild war. Erst kommt der Scout mit bunten Perlen und Feuerwassen, dann kommt die Kavallerie. Das sind jetzt die Bomberpiloten. Dann rücken die Panzer vor. Im Schlepptau folgen die Saloon- und Hotelbauer. Anschließend reisen die Männer mit den Geldkoffern in der Postkutsche an. Jetzt werden die Claims abgesteckt. Und wenn die Deutschen ans Fell des Bären wollen, dann müssen sie von Anfang an dabei sein. Darum bettelt das rot-grüne Tandem förmlich, wenn sie von der "uneingeschränkten Solidarität" faseln. Doch Vasallen müssen in erster Linie treu sein. So steht Deutschland "Schulter an Schulter" im polit-ökonomischen Abseits und darf ein paar Hilfspolizisten sich warmlaufen lassen. Die Neue Weltordnung - jetzt auch am Hindukusch - kommt nicht aus den Schubladen der Studierstuben in Paris, Berlin oder Moskau.

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 03.11.2001
    Karikatur: Heinz Breuer/AK Foto
    Erstverwertung: Philosophischer Salon, Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 04.11.2001
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003