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Kabul kaputt
Die neuen Herren kommen - der Terror geht weiter
Lynchopfer Foto: AK Foto



Bereits in Masar-i-Sharif gab es Mord und Totschlag, Plünderungen und Vergewaltigungen. Soldaten der Nordallianz haben nach der Einnahme der Stadt im Norden Afghanistans rund 100 junge Soldaten der Taliban getötet. Eine Sprecherin der Vereinten Nationen bestätigte am Dienstag in Islamabad, daß sich die Taliban-Kämpfer am Samstag in einem Schulgebäude versteckt hätten. Dann seien sie nach ihrer Entdeckung exekutiert worden. Dies sagte Stephanie Bunker vom Koordinationsbüro der UNO für Humanitäre Hilfe in Afghanistan. Weitere UNO-Mitarbeiter sprachen davon, daß ihre Büros und die anderer Hilfsorganisationen sowie Hilfskonvois in Masar-i-Scharif und Kabul geplündert worden seien. Mordend und raubend zöge die Soldatestka durch die Straßen. Frauen würden vergewaltigt.

In diesen Tagen geschieht das gleich in Kabul. Erstmals litten die Kabuler nach dem Einmarsch der Mudschahedin im April 1993. Kabul versank in Anarchie. Auf den Straßen wurde der blutige Kampf verfeindeter Gruppen ausgetragen. Unter Burhanuddin Rabbani und seinem Militärstrategen Achmed Schah Massud ging Kabul im Granatenhagel unter. Die Bewohner waren der Soldateska ausgeliefert bis die Taliban 1996 einmarschierten. Fünf Jahre regierten die islamisch-fundamentalistischen Taliban die Stadt. Am Montag rückte die Nordallianz mit 6 000 Soldaten an die Stadtgrenze. Daraufhin zogen die Milizen der Taliban in der Nacht auf Dienstag kampflos und geordnet ab. Fünf Wochen nach Beginn der anglo-amerikanischen Luftangriffe rückten erste Einheiten der Soldatestka unter General Dostam in Kabul ein. Unbestätigten Berichten zufolge sollen sie die Kämpfer der Taliban auch aus Kandahar, Dschalalabad und weiteren Städten zurückgezogen haben, um in den Bergen des Hindukusch den Guerillakrieg zu beginnen. Das ist durchaus vernünftig: von der Feldschlacht zum Guerillakampf überzugehen und noch vor dem ersten Schnee aus den Städten und Dörfern der Täler hinauf in die Berge zu ziehen. Dort ist es zwar kälter, aber sicherer.

General Dostam ist der "afghanische Dschingis Khan" und das "Chamäleon des Hindukusch". Der usbekische Bauernsohn war anfangs Kommunist, zwischenzeitlich Nationalist und dann Islamist. Vor kurzem nun wurde er Amerikaner. Dschingis Khan aber blieb er und ist er immer noch. Dazu schreibt Arnold Schölzel, Redakteur der junge Welt in seiner heutigen Ausgabe: "Als Divisionskommandeur bekämpfte er zusammen mit sowjetischen Truppen die Mudschahedin in den 80er Jahren (zweimal "Held der Republik"), hielt Nadschibullah nach dem Abzug der Sowjet an der Macht und setzte sich 1991 mit 60 000 Soldaten nach Masar-i-Sharif ab, was den Sturz seines Chefs bedeutete. Der Einmarsch seiner Söldner in Kabul zusammen mit den Mudschahedin blieb den Einwohnern der Stadt als Mord- und Vergewaltigungsorgie unvergeßlich. Sein Privatstaat in Nordafghanistan gedieh mit Erdgaseinnamen, eigener Fluggesellschaft und der Unterstützung Usbekistans leidlich, in seinem Privatpalast entfaltete er zurückhaltenden Luxus. Zunächst hielt er den Mudschahedin den Warlord Hekmatyar vom hals, verbündete sich 1994 mit diesem gegen jene und ließ die Hauptmoschee Kabuls bombardieren. Alle fanden sich gegen die Taliban wieder zusammen, vor denen Dostam 1998 Hals über Kopf in die Türkei floh. Seit kurzem ist er wieder zurück, tüftelte mit amerikansichen Experten die Eroberung von Masar-i-Sharif, also flächenbombardements, aus" Jetzt ist er der neue Herr von Kabul."

Westlichen Medienberichten zufolge sollen die Einwohner der Hauptstadt mit Freudenkundgebungen auf den Einzug Dostams Truppen reagiert haben. Angeblich riefen sich Passanten Glückwünsche zu, Autofahrer sollen fuhren hupend und Fahrradfahrer klingelnd durch die Straßen gefahren sein. Wie in Masar-i-Scharif sollen sich die Männer ihren Bart rasiert haben lassen, was ihnen bisher verboten war. Wer um die Verhältnisse im Land weiß, konnte diesen Berichten nicht Glauben schenken. Die Nordallianz wird nämlich von Usbeken, Tadschiken und anderen Minderheiten dominiert. Sie hat keinen Rückhalt bei der Mehrheit in Afghanistan, beim Volk der Paschtunen.

Die Bilder der arabischen TV-Sender werden wohl stimmen. Sie zeigen, daß die "Befreier" auf den Köpfen gerade getöteter Gegner tanzen. Die Kameraleute haben die Plünderungen und Racheakte aufgenommen. Sie zeigen, daß in mehreren Bezirken der Stadt erschlagene junge Kämpfer der Taliban am Straßenrand liegen. Den Reporter wird mitgeteilt, daß einige von ihnen abgeschlachtet wurden wie Vieh. Im Zentrum der Stadt wurden Leichen getöteter Taliban sogar öffentlich zur Schau gestellt. Die Nordallianz wird von Usbeken, Tadschiken und anderen Minderheiten dominiert und hat kaum Rückhalt beim Mehrheitsvolk der Paschtunen. So zogen die Soldaten des usbekischen Generelas Dostum durch die Wohnviertel von Kabul und durchsuchten die Häuser nach Feinden. Dabei soll es immer wieder Feuergefechte gegeben haben und zu Plünderungen gekommen sein.

David Rohde, Reporter der New York Times in Afghanistan, zog mit den Soldaten der Nordallianz beim Marsch auf Kabul. Er wurde Zeuge mehrerer Lynchmorde. Lesen Sie aus seinem Bericht vom gestrigen Tag: "Nahe eines verlassenen Taliban-Bunkers zogen Soldaten der Nordallianz heute einen verwundeten Taliban-Soldaten aus einem Graben. Als der verängstigte Mann um Gnade bat, zerrten ihn die Soldaten der Allianz zu Boden. Sie durchsuchten ihn und leerten seine Taschen. Dann feuerte ein Soldat zwei Schüsse aus seinem Gewehr in den Brustkorb des Mannes. Ein zweiter Soldat schlug den leblosen Körper mit dem Griff seines Gewehrs. Ein dritter zertrümmerte den Kopf des Mannes mit einer Raketen getriebenen Granate. Der Mord geschah Minuten, nachdem die Soldaten der Nordallianz, die auf dem Weg nach Kabul waren, tief in Taliban-Gebiet vorgedrungen waren. Sie wollten sich mit Exekutionen feiern.
Neun Meter entfernt lag der Körper eines jungen Mannes, von dem die Nordallianz-Soldaten sagten, er sei Pakistaner. Er lag auf der Seite, die Arme von sich gestreckt. An der Seite seines Kopfes war das Loch einer Kugel.
180 Meter entfernt durchsuchten jene Soldaten, die vorher den alten Mann erschossen hatten, den Besitz eines regungslosen Taliban-Soldaten. Nachdem sie seine Taschen geleert hatten, feuerte ein Soldat einen Schuss aus seinem Gewehr in den Mann. Die Soldaten zogen schnell weiter, zeigten keine Gefühle. Ein paar Minuten später legte einer eine ungebrauchte Mörsergranate um den Hals des Mannes.
[...] Dem Kommandeur von 300 Soldaten der Spezial-Einheit Zarbati, Hauptmann Habib, der an dem Sturm (auf Kabul, die Red.) teilnahm, schienen die Berichte von den Tötungen gleichgültig zu sein. "Die Soldaten müssen sehr verärgert gewesen sein", sagte er und zuckte mit den Achseln.

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 13.11.2001
    Foto: AK Foto
    Erstverwertung: Philosophischer Salon, Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 14.11.2001
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003