
Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Kaum ist die größte Bodenoffensive der USA im Afghanistan-Krieg, die "Operation Anaconda", für die Medienvertreter beendet, da plaudern die Pressesprecher der Militärs über die "Operation Harpoon". Auch keine Pause im Krieg der Worte. Nachdem die US-Amerikaner und ihre Koalitionstruppen erst die Provinzhauptstadt Gardes "befreiten" und dann das Tal Schah-i-Kot in den Arma-Bergen in Ostafghanistan in eine Wüste verwandelten, dürfen jetzt die Kanadier den "Walrücken", so wird der Gebirgskamm südlich von Gardes genannt, mit Harpunen spicken. Eigentlich haben die Kanadier keine andere Aufgabe, als nach einer gewonnenen Schlacht über das Feld des Krieges zu ziehen, um den halbtoten Gegnern, die besiegt im eigenen Blut liegen, den Gnadenschuß zu versetzen. Doch wurden bisher selten Bilder von den toten Gegner veröffentlicht. Will die Militärzensur etwa Hollywood nicht die Schau stehlen? Oder gibt es da nichts, das man auf Zelluloid bannen könnte?
Nach den schweren Gefechten in Schah-i-Kot übernehmen nun die Kanadier die Dreckarbeit. Während sie bei der "Operation Anaconda" noch mit Scharfschützen den US-Amerikaner beim Töten assistierten, sollen und wollen sie nun dafür sorgen, daß die Taliban- und Al-Qiada-Krieger "ausgerottet" werden. Das ist der Jargon, den die Militärsprecher ein Dutzend Jahre nach Beendigung des 'Kalten Krieges' pflegen: "Ausrotten". Jedoch haben die Kanadier kaum Feindkontakt bei ihrem größten Einsatz am Boden seit den Tagen des Korea-Krieges (1950-1953). Damit beim "Ausrotten" keiner übrig bleibt, werden die Höhlen des Schah-i-Kot systematisch durchstöbert.

Dabei müßten die nordamerikanischen Soldaten eigentlich auf hunderte Gefallene stoßen, die, nach offiziellen Angaben der Militärs, bei der acht bis zehn Tage dauernden "Operation Anaconda" vernichtet worden seien. Doch nur wenige Leichen lassen sich finden. Konnte Osama bin Laden mit seinen wilden Horden alle toten Kameraden bergen? Waren aasfressende Geier schneller als das Kommando Spezialkräfte aus Cawl? Weder noch! 200 Jahre nach der Gründung der Militär-Akademie der Vereinigten Staaten von Amerika, West Point wurde 1802 ins Leben gerufen, haben die USA gelernt, nichts anbrennen zu lassen. Die TV-Bilder der mit Napalm-Bomben malträtierten Opfer, frisch aus Vietnam an den Frühstückstisch der Amis, sorgten für Verstimmungen an der Heimatfront. Nein, diesmal können Bodentruppen nichts finden, weil die Bomber am Himmel große Bomben geschmissen haben.
Die 'eigenen Verluste' sind kurz aufgezählt: Nach USA-Militärangaben wurden acht USA-Soldaten und drei Soldaten verbündeter Einheiten getötet. Rund hundert Soldaten seien verwundet worden. Die afghanischen Soldaten wurden aus der Provinz Paktia zurückbeordert. Diese Einheiten seien nach der Einnahme des Tals Schah-i-Kot in den Arma-Bergen abgezogen worden, teilte der Sprecher des Rates örtlicher Stammesfürsten mit. Also waren auch keine afghanischen Truppen beim Sichten der Schlachtfelder zugegen, die etwas über den "Erfolg" der Operationen "Anaconda" und "Harpoon" berichten könnten.
-
Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 16.03.2002
Fotos: AK Foto
Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 17.03.2002
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003