
Der Haß könnte größer nicht sein. In Brasilien herrscht Krieg. Es ist kein Krieg nach außen, wie es die Supermacht USA seinen Vasallen und solchen, die es werden sollen, vormacht. Es ist also kein imperialistischer Krieg, sondern der Krieg nach innen. Der soziale Krieg. Der Krieg der Klassen. In dem südamerikanischen Land Brasilien leiden die Menschen. Es sind nicht ein paar Hunderte, nicht Tausende oder Zehntausende. Nein. 23 Millionen Menschen leiden in dem riesengroßen Land an Hunger. Dies ist das Ergebnis, daß der UNO-Sonderberichterstatter über das "Recht auf Ernährung" vorlegte. Ein Glück für die Erniedrigten und Verdammten dieser Erde: Der UNO-Sonderberichterstatter ist kein geringerer als der Alpensoziologe Jean Ziegler.
Das bedeutet erst einmal nicht mehr, als daß von dem Armutsbericht mehr Leute erfahren, als nur die Tippsen aus dem New Yorker UNO-Hauptquartier. Doch wenn Ziegler als Außenstehender mit gemäßigter Zornesröte von 23 Millionen Hungernden in Brasilien spricht, geht die oppositionelle Arbeiterpartei der ehemals portugiesischen Kolonie noch weiter. Sie schwenkt die Rote Fahne und klagt über 44 Millionen Hungerleider. Rom, die katholische Kirche (Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sie erinnern sich?!), klagt zum Richtigen: 55 Millionen Menschen tragen das Kreuz des Hungers und wären über jede Oblate froh.
Doch Hunger ist kein gottgewolltes Schicksal, bei dem man nur feste die Hände falten müßte, um es abzuwenden, "sondern Völkermord". Sagt Ziegler-Jean. Und er nennt, das kennt man von Ziegler nicht anders, das Schweinesystem beim Wort. Verantwortlich sei die "völlig ungerechte Sozialordnung". Doch der heilige Samariter vergißt die Schweine, ohne die ein Schweinesystem nicht funktionieren könnte. So plädiert er für eine Landreform. Schön. Für eine "integrierte Sozialpolitik". Ja, wunderbar: Jean Ziegler! Doch dann packt es den sich links wähnenden Professor: Zwei Prozent aller Eigentümer von Grund und Boden besäßen an die Hälfe aller ertragreichen Ländereien. Ziegler zieht sein Fazit: "Der Grundbesitz tötet." Endlich sagt es mal einer, könnte manch Geneigter frohsam seufzen. Doch "Grundbesitz" tötet nicht. Es ist: der Grundbesitzer. Wer ein Schweinesystem nicht mehr will, muß nicht nur Nein sagen, sondern die Schweine zur Schlachtbank führen und die Messer wetzen.
Über das Neinsagen hinaus zu kommen, ist es an der Zeit. Krieg dem Kriege. Klassenkampf. Diese einfache Sache ist schwer zu machen. Wohl war. Aber diese Sache muß geäußert werden, bevor wir veräußert werden. Diese Sache gehört wieder auf die politische Tagesordnung der Geschichte. Geschichte ist zu machen, nicht zu studieren. Hier, in Brasilien und immer schon heute.
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 20.03.2002
Foto: AK Foto
Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 20.03.2002
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003