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Denunziation im Zeichen des Hungers
Jean Ziegler - ein Rapporteur
Hunger Foto: AK Foto



Auf unserem Planeten Erde hungern Menschen. 800 Millionen Menschen sollen es derzeit sein, die hungern. Hunger tötet. Millionen dieser Hungernden werden bald nicht mehr auf der Erde sein, sondern unter ihr begraben liegen. Das sagt Jean Ziegler, der auszog, das Böse zu beschreiben. Ziegler ist ein Rapporteur.

Ein Rapporteur ist auch in der französischen Schweiz einer, der seine Klassenkameraden beim Lehrer verpetzt. Pensionär Ziegler ist kein Aufklärer im klassischen Sinn. Er ist ein Denunziant. Ziegler ist ein Rapporteur. Das ist die neue Funktion für den Genfer Professor der Soziologie und es ist eine selbst gewählte Aufgabe. Seit September 2000 nun tourt die Petze mit dem Passierschein "Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung beim UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte" durch die Gegend. Der Ruf 'Vorsicht Ziegler' eilt ihm voraus.

Die Verhältnisse, die er sieht, lassen sich nicht kaschieren oder leugnen. Schönreden tun sie anderen. Ziegler läßt die Fakten sprechen, schaut sie sich an und kleidet diese in eine, seine Theorie. Seine Augenzeugen-Berichte sind authentisch. Was andere daraus machen, das aber ist seine Sache nicht.

Zu den Tatsachen: 800 Millionen Menschen sind chronisch und ernsthaft fehlernährt; jedes Jahr sterben schätzungsweise 36 Millionen direkt oder indirekt an Hunger. Achtzehn afrikanische Länder sind am stärksten betroffen, dazu vier asiatische (Afghanistan, Nordkorea, Bangladesch, die Mongolei) und ein karibisches (Haiti). Dies hat die FAO, die UNO-Behörde für Nahrung und Landwirtschaft, ermittelt.

Nackte Zahlen über leere Leiber. Doch weil die Kriege, zu denen man uns die Bilder von den Schlachtfelder vorenthält, viel Lärm machen, klagt der Hunger geräuschlos und daher spurlos durch unsere Medienwelt. Kein Schrei der Empörung; dieser tägliche Skandal ist nicht eine einzige fette Schlagzeile wert.

Dabei müßte man auch nicht über den Hunger in der Welt berichten, weil es ihn nicht geben bräuchte. Auf unserem Planeten könnte auf den derzeitigen Anbauflächen Nahrung für zwölf Milliarden Menschen produziert werden. Und der Homo sapiens dürfte sich sogar noch auf das Doppelte seiner jetzigen Population korpulieren. Alle Menschen würden satt. Hunger ist kein Problem eines Nahrungsmangels, sondern eines Geldmangels. In einer Welt der Ware kann auch Nahrung nichts anderes sein. Und sie ist eine Ware, die nicht jeder bezahlen kann. Wo keine zahlenden Kunden zu erwarten sind, da verhält sich der kassierende Händler nicht anders als der bürgerliche Lohnschreiber. Er guckt gar nicht erst hin.

Rapporteur Ziegler ist anders. Er reist als politischer Wissenschaftler um die Welt und schaut sich das Elend an, um Bericht zu geben und kommt zu dem Schluß, daß die kapitalistische Welt, dessen Gesetze die Großgrundbesitzer subventionieren und Kleinbauern ruinieren. Produktion und Distributon von Lebensmitteln unterliegen kapitalistischen Prinzipien. Der Kapitalismus ist für Jean Ziegler also das Problem und nicht die Lösung. Hinzu kommt, das verschweigt auch Ziegler nicht, das Wissen keine Veränderung ist. Doch die Lösung dieses Gordischen Knotens überläßt der Rapporteur lieber anderen. Jean Ziegler schlägt zu, indem er akribisch Beweise sammelt und die Anklage führt. Darüber geben seine Publikationen beredt Zeugnis.

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 21.03.2002
    Foto: AK Foto
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 21.03.2002
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003