Die Tageszeitung (taz), so steht es in der heutigen Ausgabe auf der "Flimmern-und-Rauschen"-Steite, sei am Sonntag per E-Brief über eine angebliche Spaltung der Redaktion der linken Tageszeitung
junge Welt (jW) unterrichtet worden. Zitat: "Darin hieß es in einer jW-"Sonder-Nummer Israel", daß es 'nach langen Diskussionen um antisemitische Tendenzen' am Donnerstag Abend 'zum Eklat' gekommen sei, und daß dem Chefkommentator Pirker von einer 'Gegen-Redaktion' Antisemitismus und Antizionismus vorgeworfen werde." (taz, 13.05.02, S. 17)
Ein Gustav Schwertmüller leistete sich den Schabernack eines Extrablatts mit dem Thema "Antisemiten raus! - Die Gegen-Redaktion der Tageszeitung junge Welt formiert sich: ohne Antisemiten", auf Seite 1. Auf der zweiten Seite dann die Schlagzeilen "Pirkerwerners Juden - Wie der Chef-Kommentator vom Klassenkampf redet und Israel meint" und "Das Interview - Das letzte Interview vor dem Eklat: Ein deutscher Antizionist gibt Vollgas". Folglich verkündet kein geringerer als Gustav Schwertmüller in großen Lettern die "Spaltung der Redaktion" und schreibt:
"Am Donnerstag Abend kam es nach langen Diskussionen um antisemitische Tendenzen in der Tageszeitung
junge Welt zum Eklat.
Bereits in der vorletzten Woche war der Streit innerhalb der Redaktion schon einmal eskaliert. Werner Pirker hatte in seinem Artikel 'Einen anderen Zionismus gibt es nicht' dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen und zur 'Überwindung' des 'Klassenstaates' Israel aufgerufen (siehe Seite 2).
Als auf einer Redaktionskonferenz Kritik an diesem Artikel geäußert wurde, reagierte die 'antizionistische' Fraktion mit Verleumdungen gegen ihre Kritiker, die sie als Handlanger des 'Irren Scharon' bezeichneten, und ihnen eine 'rassistische, biologistische Weltsicht' vorwarfen. Sie riefen zur Unterstützungen jeder Form des palästinensischen Widerstandes gegen die 'jüdischen Kolonialisten' und ihre 'imperialistischen Verbündeten' auf (alle Zitate: Werner Pirker).
Die Einrichtung einer Rubrik 'Israel-Kritiker des Tages', in der die 'Endlichkeit der nationalen Unterdrückung' am Beispiel Israels heraufbeschworen wird, führte dann zum endgültigen Bruch.
Mehrere Redakteure der Tageszeitung junge Welt gründeten daraufhin eine Gegen-Redaktion.
Sie wenden sich gegen Antisemitismus und Antizionismus - auch und gerade innerhalb der Linken.
Diese Gegen-Redaktion wurde umgehend aus den Räumlichkeiten der jungen Welt ausgesperrt, die Redakteure mit Kündigung bedroht."
Schwertmüller fordert, daß die jW nicht länger Sprachrohr derer bleiben könne, die im Stürmer-Stil gegen Israel als Staat der Juden hetzen! Von einer "zionistenfreien Zone" ist die Rede, die es in der jW nicht geben dürfe. Schließlich schlußfolgert Schwertmüller, daß sich hinter dem Antizionismus der Palästinenser und seiner deutschen Anhänger meist schlecht verborgener Antisemitismus verberge.
Chefredakteur Arnold Schölzel ließ sich nicht lumpen und brachte flugs eine "Richtigstellung" (diese erreichte die Kalaschnikow-Redaktion per Fax am 13.05.02, um 13:49 Uhr) in der er feststellte, daß es keine Spaltung der Redaktion gebe. "Die 'linken' Antisemiten in der Tageszeitung junge Welt haben keinen Widerstand zu befürchten, sie sind sich mit dem linksradikalen Mainstream einig."
Unter "Nationalbolschwisten geschlossen gegen Israel", heißt es: "Unsere Meldung vom Freitag war falsch. Die Redaktion der Tageszeitung junge Welt hat sich natürlich nicht gespalten.
Die unter dem Deckmantel eines 'linken Antizionismus' daherkommende Kritik an Israel, die ebenso stümper- wie stürmerhaft in der Tageszeitung junge Welt daherkommt, ist nichts anderes als schlecht getarnter Antisemitismus.
Wer nun aber meint, die Ergüsse z.B. des Chef-Kommentators Werner Pirker müßten innerhalb der Redaktion oder zumindest bei Teilen der Leserschaft auf Ablehnung oder gar Empörung stoßen, der irrt.
Es gibt niemanden innerhalb von Redaktion und Leserschaft der jungen Welt, dem man einen Aufstand gegen die israelfeindlichen Pöbeleien in dieser Zeitung zutrauen kann.
Vielleicht ist es ja so, daß sich die junge Welt sowieso schon bald mangels Geld in die ewigen Jagdgründe Stalins, Maos und Strassers verabschiedet.
Bis dahin aber gibt es in Deutschland eine Zeitung, die sich links gibt und doch gegen den Staat der Juden agitiert, wie es sich nicht einmal eine 'Junge Freiheit' erlauben würde.
Die Ähnlichkeit in Namen und Ideen legt einen Zusammenschluß der Zeitungen von Nationalbolschwisten und Nationalkonservativen nahe.
Genau 57 Jahre nach dem Ende des Holocaust wütet in Israel der antisemitische Terror der Palästinenser, der Kanzler denkt laut über deutsche Soldaten im Nahen Osten nach und diskutiert mit Volksschreiber Walser einen neuen Patriotismus herbei. Und die Linke in Deutschland leistet ihrem Kanzler Schützenhilfe. Denn wenn es um Israel geht, kennt man hierzulande keine Parteien."
Die Opfer des vor über 100 Jahren lancierten rassistisch-chauvinistischen Zionismus, die Rede ist von palästinensischen Kindern, Frauen und Männern, bestätigen aufs Beschämendste die Position von Karl Kautskys, wonach der Zionismus eben keine fortschrittliche, sondern eine reaktionäre Bewegung ist. Mittels moderner Medien bilden sich Milliarden Menschen ein Bild vom brutalen Vorgehen der höchstgerüsteten Armee im Nahen Osten, der israelischen Armee. Alles in allem sind Scharon und seine Kompradorenbourgeoisie mit ihrem Vorgehen gegen die gleichfalls semitischen Palästinenser zu den ärgsten Antisemiten der Nach-Hitlerzeit geworden. Ja, er spielt auch mit der israelischen Karte in us-amerikanischer Hand. Wer das Gegenteil behauptet, untermauert nur die Wahrheit dieser Sätze.
Wer den Staats-Terror Israels rechtfertigt, ungeachtet seiner wie meiner strikten Ablehnung individuellen Terrors im allgemeinen, insbesondere in nicht revolutionären Situationen, muß gleichwohl begreifen, daß die Palästinenser es den verzweifelten Aufständischen des Warschauer Ghettos gleichtun, wenn sie sich zu Selbstmordattentaten hinreißen lassen.
Israels Staats-Doktrin ist nach wie vor der Zionismus. Israel selbst ist eine Veranstaltung jüdischer Nationalisten mit kolonialistischem Gepräge, die nun Homelands unterhalten, nachdem sie vorher Land geraubt haben. Dieser blutige diktatorische Kolonialismus wirkt nach außen, während zugleich im Innern des zionistischen Staates als Demokratie bezeichneter großbürgerlicher Parlamentarismus die Regel ist; aber auch in Tel Aviv ist das Parlament nur die Quasselbude des Kapitals. Das läßt Wohnhäuser sprengen, Olivenhaine abholzen, Ortschaften von Hubschraubern bombardieren, Panzer in Flüchtlingslager ballern, vorgebliche Gegner gezielt exekutieren. Diese und weitere Schweinerein, wie das Massaker von Dschenin, sind möglich, weil die Stimmung im Lande eine schweinische, eine rechte Stimmung ist. Anders gesagt: Man propagiert die größtmögliche Härte gegenüber Muslimen im allgemeinen und Palästinensern im besonderen. Große Friedensmanifestationen wie am letzten Wochenende in Tel Aviv mit rund 100 000 Aktivisten sind nur die angenehme Ausnahme dieser barbarischen Regel.
Noch einmal: Wer sich in Deutschland zum Statthalter Israels emporschwingt, läßt nur die andere Seite der zionistischen Medaille, am Banner eines Judenstaats nach Herzl`s Manier, in seiner diskursfaschistischen Schreibtischlampensonne schimmern. Es ist der Philosemitismus des dummen Kerls, eines Gustav Schwertmüllers, den ansonsten Lohnschreiber von Konkret über jungle World bis Bahamas der uninteressierten Öffentlichkeit verkaufen. Dabei ist jener Hype lächerlicher als dieser Fake von Schwertmüller.
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 13.05.2002
Foto: AK Foto
Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 13.05.2002
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003