
Gerhard Branstner feiert am Sonnabend, den 25. Mai 2002, in der Berliner Friedrichstraße seinen 75. Geburtstag im Kreise seiner Familie, zu denen sich Freunde aus Politik und Kultur gesellen. Geboren wurde er in einem strenggläubigen Elternhaus im thüringischen Blankenhain des Jahres 1927, als noch kein Wessi in Weimar weilte. Doch schon als Kind hat er weder an Kommerz noch an Gott geglaubt; und später auch nicht an Hitler. Während seine Klassenkameraden tagtäglich den rechten Arm streckten, ballte er die Faust in der Hosentasche, bekam Hiebe, die seine Allergie gegen jeglichen Personenkult derart prägten, daß er auch gegen Stalin immun blieb.
Als Pazifist in Uniform marschierte er an die Westfront. Ballerte, obwohl er der beste Schütze der Kompanie war, stets in die Luft, wie er jedem Gast, in weinseeliger Erinnerung schwelgend, versichert. In Kriegsgefangenenschaft ist er dann gern gegangen. Doch als sie ihm zu lange gedauert hat, ist er geflüchtet, obwohl die 25 Gefangenen, die vorher entwischt waren, dabei alle zu Tode kamen.
1949 zog es den jungen Mann an die Arbeiter- und Bauernfakultät, wo er, wie viele Armeleutekinder, zwei Jahre später das Abitur nachholen konnten. Dort antwortete er auf die Frage, was er einmal werden wolle: Gesellschaftskritiker. Zur Zeit der ersten Parteisäuberungen war das eine riskante Antwort, wie er auch später noch erfahren mußte. Doch vorerst war Gerhard Branstner nur Dozentenschreckt und studierte an der Berliner Humboldt Universität (HUB) von 1951 bis 1962 Philosophie. Seine Dissertation, die er nebenher und in der Hälfte der damals üblichen Frist geschrieben hat - heute braucht der Durchschnittskommilitone gut und gerne das Doppelte an Zeit -, haben nacheinander sechs Professoren abgelehnt, drei davon mit Änderungsvorschlägen. Branstners Antwort: "Ich habe Zeit, ich kann warten, bis ihr euch ändert." Das dauerte vier Jahre. Dann wurde seine Arbeit unter Betonung ihrer guten sprachlichen Qualität angenommen. 20 weitere Jahre jedoch dauerte es noch, bis sie gedruckt wurde und 40 Jahre bis sie erneut herausgebracht. Immer aber unverändert. Überholt ist sein Beitrag über die Kunst des Humors immer noch nicht, noch nicht einmal eingeholt als Humor der Kunst.
Zwischendurch arbeitete er von 1956 bis 1962 als Dozent an der Philosophischen Fakultät der HUB. Von 1962 bis 1968 wirkte er als Cheflektor sowohl beim Eulenspiegelverlag als auch beim Verlag Neues Berlin. Dann wurde er freiberuflicher Schriftsteller, schrieb Dutzende Werke und da seine Bücher jedes Mal bis zu drei Jahre abgelehnt wurden und er keine Reklame damit machte, litt nicht nur anfangs seine Bekanntheit, sondern auch sein Geldbeutel.
Zu lange dauerte es, bis das "Handbuch der Heiterkeit" gedruckt wurde. Ähnlich erging es ihm mit der Fabel "Der Esel als Amtmann". Dieser 'Esel' war ein voller Erfolg. Über 100 000 Exemplare in wenigen Jahren bedeuteten den absolute Weltrekord. Das hatte zuvor kein Autor mit einem Fabelbuch je erreicht. Andererseits wurde nicht eine einzige Rezension darüber veröffentlicht. Vergleicht man allein die literarische Palette des Branstner`schen Schaffens, von der "Plebejade", einem grobianischen Roman nach Art des Rabelais - im Unterschied zu Rabelais als strenge Literatur -, über "Der Sternenkavalier", einem utopisch-phantastischen Reiseroman, bis hin zum "Der falsche Mann im Mond", einem utopischen Kriminalroman", übertrifft Branstner bei weitem Kollegen wie Biermann, Wolf und Heym in seiner Vielfalt. Selbst Goethe ist ein blasser Knabe gegen die heterogene Produktion eines Branstner, der neben Erzählungen ("Der indiskrete Roboter"), und Krimis ("Der verhängnisvolle Besuch") auch Anekdoten, mitunter orientalischer Manier ("Die Ochsenwette"), sowie Gedichte und Lieder ("Das Verhängnis der Müllerstocher") anbieten kann. Angesprochen auf Bücher mit zarter Liebeslyrik, die neben Werken utopischer Lügengeschichten und hinter seinem "Spruchsäckel" verstauben, bemerkte Gerhard Branstner einmal: "Als der Verlag mich fragte, in welcher Art ich sie schreiben wolle, sagte ich, in der Art von Lessing, bloß besser, was sie dreimal sind; 'Vom Himmel hoch' sind utopische Lügengeschichten außer Konkurrenz; das 'Spruchsäckel' ist eine Mischung aus Aphorismen, Sprüchen und Sprichtwörter. Sprüche und Sprichtwörter kann man nur sammeln, aber nicht schreiben." Das stimmt nicht ganz. Branstner gehört zu den wenigen Autoren, die auch welche schreiben, noch dazu auf Ansage.
Auf Anfrage schreibt Gerhard Branstner heute, nach der 'Wende', nicht mehr nur literarische Bücher, wie einst auch noch für die Bühne und den Film, sondern, um in der Welt einzugreifen, hat er für sich den philosophisch-politischen Essay - gewürzt mit garstigen Glossen - entdeckt. Werke wie "Revolution auf Knien" (1997), in der dem Leser mit der 'soziologischen Transfermatik' eine neue Wissenschaft an die Hand gegeben wird für den 'wirklichen Sozialismus, aber auch "Rotfeder" (1998), in der er über die Todsünden des 'realen Sozialismus' schreibt und feststellt, daß die Macht des Sozialismus in die Macht über den Sozialismus verkehrt wurde, stehen für den Politiker Branstner. In "Witz und Wesen der Lebenskunst" (1999) setzt Branstner schließlich den Marxismus fort, in dem er sich als Zwerg auf die Schulter des Riesen Marx setzt, um weiter Ausschau halten zu können. Er erspäht den 'eigentlichen Menschen' und empfiehlt auf dem Weg dorthin die 'Anpassung der Dritten Art': die Anpassung zwischen den Menschen statt ihrer Entfremdung.
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Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 23.05.2002
Foto: AK Foto
Quelle: Philosophischer Salon e.V, Berlin
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
Update: Berlin, 24.05.2002
Zweitveröffentlichung: junge Welt
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003