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Über ewige Anti-Anti-Semiten und die Irren von Zion
Israel benutzt die Ideologie des Anti-Anti-Semitismus für seine rassistische Politik gegen Palästina
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Läßt man die vergangenen Wochen, die letzen Monate einmal Revue passieren, dann stellt man unweigerlich fest, daß Israels Scharon-Regierung das Westjordanland zerteilt und die Gebiete Hebron, Bethlehem, Ramallah, Jericho, Nablus, Dschenin, Tulkarem und Kalkilijahat voneinander getrennt hat. Will man jetzt von der einen in die andere Zone, so muß man um Erlaubnis bitten. Die israelische Soldateska teilt und die israelische Staatssicherheit herrscht: Letztere verteilt Passierscheine, die Gültigkeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang besitzen und Monat für Monat erneuert werden müssen. Nein, schön ist das nicht.

Erinnert sich noch einer an die Unterdrückung der Schwarzen im südafrikanischen Apartheidsstaat? Ja, die freie Wahl des Aufenthalts und auch die Reisefreiheit waren selbst unter der Führung weißer Siedler nicht dermaßen eingeschränkt wie für die Palästinenser im Judenstaat. Die Homelands, die Reservate für die Schwarzen, waren längst keine Großraumgefängnisse, wie sie derzeit im Westjordanland für die Palästinenser errichtet werden.

Eigentlich, könnte man einwenden, sollte die ganze Gegend dreigeteilt werden. Denn dem neugierigen Besucher offenbart sich nicht nur ein tiefen Graben zwischen Israelis und Palästinensern, sondern ein tiefer Abgrund zwischen weltlichen Juden und jüdischen Fundamentalisten. Von daher erteilte der Schriftsteller Yoram Kaniuk den amüsanten Rat, das Land in drei Stücke zu teilen: Einen Palästinenserstaat, ein "Königreich von Judäa" für die Orthodoxen und das säkulare Israel an der Küste des Mittelmeeres.

Doch zum 50. Geburtstag Israels wurde nicht der innere Frieden der liberalen Mehrheit mit den religiösen Fanatiker gesucht und auch kein Friedensvertrag mit den Palästinensern unterzeichnet. Im Gegenteil: Die Westbank ist zu einem Tummelplatz für Traumtänzer verkommen. Unter den neuen Siedlern findet man schwerlichst einen einheimischen Israeli. Diese Spätberufenen kommen aus Westeuropa und Nordamerika. "Der arbeitslose Lehrer aus Arizona, der eben erst nach Gaza umgezogen ist und jetzt den um die Ecke geborenen Palästinensern weismachen will, dies sei alles sein Land und sie sollten abhauen - das ist ein Prototyp des 'Irren von Zion'", berichtet Henryk Broder in seinem gleichnamigen Buch.

"Daß die südafrikanische Apartheid rassistisch war, galt als "common sense". Der gleiche common sense untersagt auch nur den Vergleich Israels mit einem rassistischen Regime. Warum eigentlich? Ist Rassismus weniger rassistisch, wenn er im Land der Holocaust-Überlebenden praktiziert wird? Kann nicht sein, was nach den Vorschriften der politischen Korrektheit nicht sein darf", fragt Werner Pirker in der jungen Welt.

Doch vom deutschem Feuilletontexter bis zum antideutschen Politschreiber wird eine Anti-Semitismus-Anklage vorgetragen, die den Anti-Semitismus schon in sich trägt. Wer die Siedler der Westbank Landräuber nennt, wer die Stimme für die vertriebenen Palästinenser erhebt, wer die brandschatzenden Besatzer schuldig und beim Namen nennt, der wird von Hermann Gremliza, dem verlängerten Arm des zionistischen Establishment und sämtlicher Philosemiten, mit dem Vorwurf des Anti-Semitismus beschmockt, während Israels Scharon-Regierung den verlogenen Anti-Anti-Semitismus als Legitimationsideologie seiner rassistischen Politik ausnutzt.

Vergegenwärtigt man sich hingegen noch einmal das alte Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Faßbinder, dann wird der neuerliche Streit um Martin Walser dem nachfragenden Zuschauer wie ein Déjà vu erscheinen. Vor gut 20 Jahren besetzten nämlich Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main die Bühne des Stadttheaters und verhinderten die Uraufführung. Heiner Müller war ein Jahr zuvor an dem Versuch beteiligt, dieses Stück in einem U-Bahnhof von Mainhatten aufzuführen. Müller sah in Bankfurt die Verwüstung einer Stadt durch die "Rache eines Opfers". Es wurde die Vermutung öffentlich zur Schau getragen, die an den Main gekommenen Ostjuden hätten ihre Bodenspekulation aus unbewußter Rache betrieben und die Bewohner aus dem Westend verdrängt. Fassbinder provozierte mit seinem "reichen Juden" ein Coming out mit Widersprüchen. Um nun nicht weiterhin auf der Bühne präsentiert und karrikiert zu werden, ging man selber auf die Bretter. Michel Friedman ist dafür das beste Beispiel. Zu ihm läßt Faßbinder in seinem Stück "Die Stadt, der Müll und der Tod" den Anti-Semiten sagen: "So denkt es in mir." Faßbinder ist also kein Anti-Semit, sondern ein brillianter Dichter, der dachte. Was er den Anti-Semiten sagen läßt, würde ein echter Anti-Semit nie sagen. Und Jürgen Möllemann, der sich im Frankfurter Westend wie zuhause fühlt, während ihn gleichzeitig das Engagement der Israelis in der Westbank betroffen macht, ist kein Anti-Semit. Wenn er die "unerträgliche elitäre Arroganz" eines Friedman als solche beklagt, dann muß der Anti-Anti-Semit in diesen Vorwurf schon das Prädikat des Jüdischen hineinmogeln, um ihn in die "braune Soße" zu zerren. Nur wenn der Möllemann dem Friedman "unerträgliche jüdisch-elitäre Arroganz" unterstellen würde, dann wäre der Fall mehr als eine Frage des Geschmacks und Farbenspiels. Möllemanns Kontrahenten jedoch baden fortwährend im "anti-semitischen Gewässer".

Doch was ist eigentlich ein Anit-Semit? Nähern wir uns der Beantwortung dieser Frage über die Kritik dieser Frage - als Gegenfrage -: Was überhaupt ist ein Semit? Im Langenscheidt-Fremdwörterbuch der Redaktion ist das ein "Angehöriger einer anthropologisch, sprachlich und ursprünglich kulturell verwandten Völkergruppe Vorderasiens und Nordafrikas". Anders gesagt: Manche Juden oder Israelis sind Semiten, aber bei weitem nicht alle Semiten sind Juden. Möllemann konnte über den wegen seiner israel-kritischen Äußerungen in die Schußlinie geratenen nordrhein-westfälischen Parlamentarier und Ex-Grünen Jamal Karsli sagen, daß dieser als Araber "selbst Semit" sei. Und schon deshalb macht der Ausdruck "Anti-Semit" auch für Karsli keinen Sinn, wie Gerhard Wisnewski feststellt: "Aber auch nicht für Jürgen Möllemann, der sich als Vorsitzender der Deutsch-Arabischen Gesellschaft dieser Völkergruppe besonders verbunden fühlt. Tatsächlich werden die Begriffe Semit und Anti-Semit hierzulande also insofern mißverständlich verwendet (sogar von jenen, die es eigentlich am besten wissen müßten), als damit nicht Gegner der Semiten-Gruppe insgesamt, sondern "nur" Feinde der "Juden" bezeichnet werden. Die Frage ist nun, ob jemand, der einzelne Handlungen oder Aspekte eines anderen Volkes kritisiert oder auch anprangert, bereits mit einem Feind dieses Volkes, also in diesem Fall einem Anti-Semiten (besser: Anti-Juden) gleichgesetzt werden kann. Mit dem Wort "Anti" wird ja eine nicht an bestimmte Aspekte gebundene, allumfassende Gegnerschaft unterstellt. Also eine Gegnerschaft, die das andere Volk in all seinen Aspekten und Erscheinungsformen ablehnt, wie etwa in dem Satz: "Die Juden sind unser Unglück"."

Die Frage ist, ob eine solche allumfassende Feindschaft aus den Äußerungen von Karsli und Möllemann gefolgert werden kann: Karsli hatte der israelischen Armee Nazi-Methoden vorgeworfen und von einer zionistischen Lobby in Deutschland gesprochen. Möllemann, hierzulande Anwalt der Besserverdienenden, hatte dem jüdischen Funktionär Friedman vorgehalten, mit seinem Verhalten genau jenen Anti-Semitismus zu fördern, den er beklage. Wenn man diese Äußerungen mit dem oben zitierten Satz vergleicht, fällt einem sogleich die thematische Beschränktheit auf: Es wird eben nicht das jüdische Volk als solches abgelehnt, sondern es werden einzelne Aspekte aktueller israelischer Regierungspolitik unter dem Premier Ariel Scharon kritisiert. Die "zionistische Lobby", von der Karsli spricht, ist mit aller Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal mit dem jüdischen Volk als solchem identisch.

Noch einmal: Die Diffamierungskampagne der Anti-Anti-Semiten ist falsch und verlogen: Sie bezichtigt Kritiker einzelner Handlungen, die in einem Tun oder Unterlassen bestehen, oder Erscheinungsformen des israelischen Staates generell des Anti-Semiten (sprich: als Judenfeinde) und drängt diese damit in eine Ecke, in der sie nicht hingehören. Anti-Semiten müssen wir uns nicht noch backen.

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 10.06.2002
    Foto: AK Foto
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 11.06.2002
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003