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Bürger Gysi meint
Die PDS-Karteileiche kolumnert jetzt jeden Donnerstag im Berliner Kurier
Bürger Gysi im Berliner Kurier Foto: entnommen aus www.berlinonline.de
Bürger Gysi im Berliner Kurier


Kaum war die Bundestagswahl, die mit dem Rauswurf der Sozialisten aus dem Reichstag endete, vorüber, schrieb ihr (heimlicher) Großer Vorsitzender als Bürger keine Woche später im Berliner Kurier. Der Sinneswandel zum Pferdewechsel - von Neues Deutschland, der tagessozialistischen Hofberichterstatterin des PDS-Establishments, zur Schnodder-Schnauze des vereinigten Kleinbürgers - verlief reibungslos und im Galopp. Und warum sich Gruner und Jahr diesen Jockey da aus dem Karl-Liebknecht-Haus in ihr Hochhaus an der Karl-Liebknecht-Straße lockten, darüber deckte die GmbH & Co. KG nicht den Mantel des Schweigens: "Weil er eine Kombination aus blitzgescheitem Verstand und einer perfekten Berliner Klappe hat." Ach so.
Bürger Gysi schreibt für die Ausgabe am 28. September zum Auftakt über den Berliner Haushalt, den es seiner Meinung nach zu konsolidieren gelte und stellt fest: "Berlin muß sparen". Das hingegen meint der Autor dieser Zeilen ganz und gar nicht, denn Berlin bzw. die diese Stadt Regierenden müssen nicht sparen, sondern öffentliche Aufträge erteilen und diese bezahlen. Sparen, das weiß schon jedes Kind, heißt nun einmal nichts anderes, als daß man Geld ins Sparschwein steckt, Münze für Münze, und wenn das possierliche Plastiktierchen randvoll mit Silberlingen gestopft ist, kann der fleißige Sparer sich umgehend etwas großes anschaffen. Man spart also, um zu konsumieren. Nun sollte weder Berlin noch sein Senat groß konsumieren, sondern es ermöglichen, daß seine Berlinerinnen und Berlin dazu in der Lage sind. Willig wären die schon. Davon aber hält Bürger Gysi - frech und fröhlich auf diese Stadt schauend - wenig: "Sparen wir zu unseren Lasten". Gut, der Mann ist Anwalt und nicht Ökonom. Wie soll er auch wütend auf die Reichen "dieser Stadt, die er liebt", sein, wird er doch genau von diesen Bürgern bezahlt.

Am 10. Oktober bekommt der Vertriebsbeauftrage des Großkapitals, Wolfgang Clement, seine Erwähnung und Bürger Gysi sieht künftig dessen Einkommensteuer Säckel des Stadtkämmerers, schrenkt jedoch - "blitzgescheiter Verstand", wir erinnern uns - ein, daß unser aller Superminister wahrscheinlich 'nur' einen kleinen Nebenwohnsitz habe. Summa: "Dann gäbe es nur die mickrige Zweitwohnsteuer." Doch auch das will Bürger Gysi hinnehmen, wenn ... ja wenn nur der Clement sein hauptstädtisches Herz für Berlin entdecke.

Eine Woche später trieft es eben so sentimental wie senil weiter. Bürger Gysi hockt "in einem Berliner Café" und: "versucht einfach nachzudenken". Dabei kam folgendes Fühlen, "keine Klarheit in meinem (seinem, d.A.) Kopf" heraus: "Ich bin nicht mehr verantwortlich ... für die Entwicklung der PDS ..." Das hoffen auch viele in der Partei selbst, die Besenkehrer Gysi beim außerordentlichen Parteitag der SED versuchte, zu Demokratischen Sozialisten zu reformieren. Doch wie bei den Christen scheiterten die Reformisten an der Weißwurstgrenze und so denkt es in Gysi, auf daß er den amtierenden Zimmer-Vorstand in einer "selbst gewählten Isolation", die ihm "keine Ruhe lasse", sieht. Nun läßt er die in Gera Gewählten auch nicht zur Ruhe kommen, sondern fährt am 24.10. großes Geschütz auf: Bundesgeschäftsführer Uwe Hiksch und der stellvertretende Vorsitzende Dieter Dehm geraten ins Visir vom Oberschützen der Demokratie, von Bürger Gysi.

Hiksch habe ihn förmlich aus seinem alten Büro werfen lassen, jault er, in dem er, der Alte, Parteipost erledigen wollte. Potzdaus. Das muß den "begehrten Interview-Partner" mächtig geärgert haben. So spitzt er die Feder und die Ohren, hört, daß der Dehm die Pförtnerin angewiesen haben soll, den bisherigen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch beim Verlassen des Vorstandes zu kontrollieren. Sowas aber auch. Dehm dementiert: Da müsse sich Bürger Gysi wohl verhört haben.

"Was könnte den damaligen SPD-Genossen Dehm heute berechtigen, Bartsch wie einen Kriminellen zu behandeln", fragt der Ex-Einheitssozialist, derjenige, den vor ein paar Monaten noch wegen eigener krimineller Umtriebe vom Stuhl des Bürgermeisters und Wirtschaftssenators hopste. Bürger Gysi wird wohl wissen, was Bürger Bartsch, nachdem er 1990 Schatsmeister wurde, so alles getan oder unterlassen hat.

Vielleicht verrät er es uns nächsten Donnerstag, wenn es wieder heißt: Bürger Gysi meint!

  • Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 12.11.2002
    Foto: entnommen aus www.berlinonline.de
    Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 12.11.2002
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 11.01.2003