Nicht von der Maas bis an die Memel, sondern zwischen Rhein und Oder-Neiße spielt die Musik
Im Kiwi-Taschenbuch von Rudi-Marek Dutschke über seinen Papa ("Spuren meines Vaters", so lautet der Titel) aber auch Gott und die Welt, schreiben Marek, aber in erster Linie Ghostwriter Christian von Ditfurth, der Co-Autor des vorliegenden Werkes, über die politische Landschaft der Bundesrepublik unserer Tage, also auch nicht über besser Zeiten, abgesehen vom kurzen Sommer der Anarchie mit Rudi Dutschke in vorderster Front. Viel länger sind die Erkenntnisse der 169 Seiten dann auch nicht, auf denen es weniger um den Adenauerstaat, als vielmehr um die Berliner Republik geht, wobei zwei Daten, nämlich `68 und `89, als Begründungszusammenhang, als innere Konstitution der Republik gesehen werden. Durch diese Dramaturgie geistert ein Mann: Rudi Dutschke. Hervorzuheben ist die Feststellung, dass Rudi sich weder als DDR- noch als BRD-Bürger fühlte, sondern "er war ein deutscher Revolutionär". Die beiden Autoren, schließlich soll, so hört man, auch noch Hans Halter reingeschrieben und weggestrichen haben, vertreten die Auffassung, dass Dutschke "durch sein Eintreten für die deutsche Einheit ... sich ... von den meisten seiner Genossen" unterschied. Das meinten 30 Jahre später auch einstige Weggefährten und solche, die es werden wollten, als sie der interessierten Polit-Öffentlichkeit und ihren Lohnschreibern verkündeten, sich von Bernd Rabehl unter der und durch die Schlagzeile "Nationalrevolutionäre waren wir nie" distanzieren zu müssen. Rabehl und Dutschke, engste Freunde in bewegten Tagen, einte vor allem, dass sie im Kopf voraus waren und das Desaster der Achsenzeit von 1989/90 gedanklich vorwegnahmen, als sie in der Aufbruchzeit 1967/68 "für die sozialistische Wiedervereinigung zwischen Rhein und Oder-Neiße" plädierten (S. 16f). "Rudi hat sich Zeit seines Lebens für die deutsche Wiedervereinigung eingesetzt. Zugleich war er ein Internationalist, nicht nur politisch, sondern auch im Alltag. Für ihn waren die Guerillakämpfer in der Dritten Welt Genossen, die Kapitalisten in Deutschland aber Feinde". (S. 148) "Deutsche Wiedervereinigung hieß für ihn vor allem, die Stalinisten in der DDR zu stürzen, das Kapital im Westen zu bekämpfen, dem Sozialismus eine Chance zu geben und die geteilten Familien wieder zusammenzubringen." (S. 149) Wäre es so gekommen, dann hätte man sich neuerliche Märsche von Stiefelnazis, die ihr Land in den Grenzen ihres geistigen Horizonts denken, durchs Brandenburger Tor mit Sicherheit erspart.
Der hilflose Antifaschismus des dummen Kerls
Im Buch wird als ein weiterer Höhepunkt das NPD-Verbotsverfahren erwähnt und die Auffassung vertreten, dass die Union für ein NPD Verbot sei, was wiederum aus der Konkurrenzsituation am rechten Rand der Parteienlandschaft resultiere. Wenn Republikaner, Rechtsstaatliche Offensive, DVU und NPD erst einmal ausgeschaltet seien, so würden deren Stimmen eher der Union zu- als anderswo wegfallen. Nun fällt weder dieses noch ein anderes Argument ins Gewicht, sucht sich das Kapital doch immer die Vertriebsbeauftragen, die es jeweils benötigt. Denn nur mit den Sozialdemokraten schnallen nun einmal die Lohnarbeiter, ob anstehende Akademiker oder rüstige Rentner, Blaukittel- oder Weißkragenträger, egal, den Gürtel enger. Schließlich kommen von obersten Funktionären der Organisationen der Lohnarbeiter in Deutschland Vorschläge wie dieser: Das Rentenalter solle nicht mehr nach dem biologischen bzw. kalendarischen Alter festgestellt werden, sondern nach der Dauer der Maloche. Wer sich erst spät den Rücken krumm macht, soll damit gesagt werden, der muß halt länger kriechen. Daß das wiederum den akademischen Nachwuchs nicht behagen dürfte, zu dem auch Marek Dutschke zählt, steigt dieser bekanntlich erst um die 30 ins Erwerbsleben ein, versteht sich von selbst. Denn die Intelligenz hierzulande müsste bei 40 Jahren geistiger Arbeit bis zum 70 Lebensjahr seine Brötchen verdienen, um mit Dritten Zähnen die Schrippe zu zermalmen. Bei diesem Szenarium schrumpft der Kampf um den Mensagroschen zum Sandkastenkrieg.
Doch zurück zum NPD-Verbotsverfahren und Ditfurths Innenansicht, die da lautet: Wenn SPD und Grüne dafür plädieren und agieren, dann weil sie hilflos sind gegen den Neonazismus (S. 145). Das NPD-Verbotsverfahren sei ein Pseudokampf gegen Rechts, mithin also der hilflose Antifaschismus des dummen Kerls. So ist auch unser Autor dagegen: "Ich bin überhaupt dagegen, Parteien oder Denkrichtungen zu verbieten." Diese weisen Worte zu vernehmen, wird auch die Genossen der Deutschen Kommunistischen Partei nicht übel stimmen. Das Argument, daß wenn die NPD verboten wäre, die Nazis dann zur DVU gehen oder gar eine neue Partei gründen würden, dürfte jedoch den DKP`isten kaum gelegen sein. Wissen sie doch selbst, dass man in Deutschland viel schneller eine Partei gründen als verbieten kann, wünschen sich daher links der DKP nur noch die Wand, an die sie sich ständig gestellt wähnen. So werden sie dann unterschreiben, was auf S. 151 zu lesen steht: "Es sei unerträglich, wenn Nazis durchs Brandenburger Tor marschierten. Ich finde es auch schlimm. Aber unerträglicher ist eher die Vorstellung, dass das Demonstrationsrecht eingeschränkt wird."
Auf zur dritten APO
"Es ist besondern schmerzhaft, zu erleben, wie ehemalige Genossen von Rudi sich von den gemeinsamen Idealen abwenden und sich gleichzeitig als 68er brüsten." Aha, Rudi habe sich nicht versöhnt mit dem Kapitalismus und auch nicht mit dem Imperialismus der USA. Über diesen Draht ins Jenseits verfüge ich zwar nicht, aber das ist schön zu hören für einen Zuspätgeborenen, der die Subversiven und Situationisten der endsechziger Jahre nicht nur aus Büchern kennt. Und so stimme ich mit ein in den Chor jeder Revolte und Organisation, denn ihr Sinn besteht vorerst in ihrem Scheitern, um all die reaktionären Denkweisen, Allüren und Machtansprüche innerhalb der Linken heraus- und bloßzustellen. Jedoch wird es nicht reichen, den Herren der Banken und der Industrie, ihren Vertriebsbeauftragten in den Hörsälen und Redaktionsstuben das Chaos vorzuspielen, daß sie tagtäglich zu verantworten haben.
"Als Rudi dereinst den 'Marsch durch die Institutionen' forderte, verkannt er die Kraft der Institutionen." (S. 163) So wundere es nicht, dass manche von denen, die vor kurzem noch eine Revolution machen wollten, heute zufrieden seien, dass es ihnen gut gehe in wichtigen Ämtern, mit dicken Gehältern. Einige "nutzten die linken Bewegungen, um ihre Machtgeilheit zu befriedigen". Auch heute schon ist die Kehrseite der Reaktion auf den Autostraßen der Berliner Republik präsent, wenn der symbolische Protest gegen eine Politik, die alles zerstört, in Form von Fußtritten gegen den Asphalt verhallt. Auch heute schon sind diejenigen, die davon träumen, an die Stelle der Mächtigen zu rücken und Ordnung zu preisen, die oft sehr viel brutaler und schlimmer war als die kapitalistische Wirklichkeit, Jahr für Jahr zu bestaunen, wenn sie an der Kranzabwurfstelle des Sozialismus Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu gedenken meinen.
Nein, weder war die Linke 68 fähig, irgendeine Macht zu übernehmen, noch ist sie es heute. Dabei fehlt es nicht an Personal oder Parteien. Es fehlt die Idee der Emanzipation, die Vorstellung von Freiheit nach dem Prinzip der Gleichheit, die auch den Schreibern des Buches fremd scheint. Individuelle Emanzipation wäre mit sozialer Freiheit zu verbinden, statt sich immer wieder aufs Neue vom Schweinesystem inspirieren zu lassen, selbst zum Schwein werdend. Freu sich, wer`s kennt.
Manipulation bzw. Verdummung und der Traum von einer Sache, die so schwer zu machen ist
Massenmanipulation durch Medien war für Rudi und die 68er ein zentraler Gedanke. Damals hatte Springer in Westberlin einen Marktanteil von 70 Prozent insbesondere durch die "Bild"-Zeitung. Doch mittlerweile stellt das TV die Printmedien in den Schatten. Staats- und insbesondere Kapital-TV (die Privaten) vermitteln den Eindruck der Informiertheit. Jedoch werde nur über das Abbildbare informiert. "Die Wirklichkeit ist eben kein Bild." (S. 166) Kurz: "Die Menschen werden heute noch stärker manipuliert als 1968. Nur protestiert kaum mehr einer dagegen. Viele 68er sitzen in den Redaktionen und tragen dafür eine Mitverantwortung." Nein, nicht jeder, der 68 jung war, studierte und sich zur Provokationselite zählte, ist ein 68er. Oder aber der Begriff "68er" taugt als Label nicht für antiautoritäre Sozialisten. Und derer bedarf es für die "negative Überwindung" bzw. "Aufhebung" des Kapitalismus.
Unter der Überschrift "eine Utopie" träumt Marek davon, dass Rudi heute genauso Revolutionär wäre, wie er es immer war. Und zwar bei den Grünen. Nun könnten Kenner der Materie meinen, man müsse den Autor dieser Zeilen aus den Zustand des Wachschlafes rütteln, doch was wäre damit gewonnen für einen US-Boy, den Fischer noch unlängst als Parlamentarier in den Reichstag hieven wollte, dessen zweitwichtigste Qualifikation darin bestand, für die Fußballmannschaft der Bundestagsfraktion aufzulaufen, während andere in Genua und weiteren Metropolen sich gegen den Staat des Kapitals herzerfrischende Straßenschlachten lieferten? Keine Stimme weniger gegen Krieg im eigenen Land (Stichwort "Klassenkampf", wenn der Leser versteht, was ich meine) und gegen andere Herren Länder. Denn Sohnemann hat nicht verstanden, was er da vom Papa nachdruckt. Sätze wie: "Ich denke, dass diese Gesellschaft im Laufe eines langen Prozesses der Bewusstwerdung von vielen und immer mehr werdenden Menschen tatsächlich das Stadium erreicht, da die Menschen das Schicksal in die eigene Hand nehmen können, nicht mehr bewusstlos als unpolitische Objekte von oben durch die Bürokratie, durch das Parlament oder durch was auch immer manipuliert werden."
Ja, deutscher Abgeordneter, das hätte Marek geschmeichelt und die Grünen hätten ihren Mythos pflegen können. Dabei kömmt es darauf an, eine Bombe in eben jener Gesellschaft der Ware und des Spektakel zu sein, in der es keine Opposition mehr gibt, in der die scheinbar Oppositionellen nicht einmal mehr zur Überwinterung ihrer Träume, Phantasien, ihrer Ideen einer vernünftigen Form gesellschaftlichen Zusammenlebens in Freiheit und Gleichheit willens und in der Lage sind, in der also jegliche Hoffnung auf wirkliche Veränderung für die Katz ist, die scheinbare Opposition also mit dem König, Kaiser oder Kanzler, egal, untergehen muß, damit die Selbsttätigkeit der Belogenen und Betrogenen sich konstituiert, frei jeglicher Vertreter, diese ihre Interessen selbst erkennen, benennen und in die Hand nehmen. Gegen Manipulation und Verdummung hilft nur eine Kopfbombenwerkstatt, in der ein Gedanke zur Patrone auf dem Weg der Konstruktion der Freiheit wird und so immer schon radikale Negation des Bestehenden ist. Ist das so schwer zu verstehen?
Warum verstehen die Autoren dies nicht und das nicht? Ich sage es ihnen: Weil sie Seminare hier und dort und "an der Uni von Massachusetts in Amherbst" (S. 22.) besuchten in der Hoffnung, man werde ihnen auch noch die allerletzten Weisheiten anvertrauen. Statt sich selbst einen Kopf zu machen, meinte man, subalternen Professoren sein Ohr öffnen zu müssen. Klar, weder die Welt noch die Berliner Republik wird so verstanden werden können. Das hätte man den Autoren vorher sagen sollen. Die hätten sich ihre Erklärungsversuche und ihren Lesern Zeit und Geld sparen können. Die ekle Tristesse unserer Tage ist mit diesem Taschenbuch nicht zu verändern, schon gar nicht konstruktiv. Und schließlich ist das Verändern der Charakter kritischer Theorie.
Die zu revolutionierende Wirklichkeit mündet weder in die Wirklichkeit noch in den Traum. Da steht es außer Frage, daß man auf gewisse Untersuchungen verzichten muß. Es geht lediglich darum, zu erkennen, wie man seine Wut in die Tat umsetzen kann; ob man sich, wie Verrückte um Gefängnisse bloß im Kreise dreht oder ob man sie niederreißen will.
- Autor: © Stefan Pribnow, Berlin 19.11.2002
Foto: AK Foto
Erstverwertung: Philosophischer Salon e.V, Berlin
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, 20.11.2002
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 11.01.2003